Organisation, Wirtschaft
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Was mich New York über Selbstorganisation lehrt

Ich bin zurzeit mal wieder für eine Woche in New York City. Zum Denken, Debattieren, Jazzclubs besuchen. Um das Flair dieser unglaublichen Stadt zu genießen. Und zum Schreiben: Schließlich werden in den kommenden 12 Monaten gleich zwei Bücher von mir erscheinen.Während ich diese Kolumne schreibe, sitze ich am Fenster im 48. Stock eines Apartment-Gebäudes mit – bescheiden ausgedrückt – atemberaubendem Blick über die Stadt. Wenn Sie mal schauen möchten…

NewYork

Nach einiger Gewöhnung traue ich mich inzwischen auch, in dieser luftigen Höhe das Fenster zu öffnen. Damit neben Luft der für New York so typische Stadtlärm aus heulenden Polizeisirenen, hupenden Taxis, Presslufthammergedröhne der unzähligen Baustellen und den dumpfen Hörnern der auf dem Hudson-River vorbeifahrenden Schiffe hereindringen kann. Direkt in der Nachbarschaft sehe ich Heerschaaren von Touristen auf den Time Square strömen, unzählige Gewerbetreibende versuchen ihre Speisen, Musicaltickets, Stadtrundfahrten und Gutscheine für Comedy-Veranstaltungen unter die Leute zu bringen. Sicher 50 Leute, in Kostümen von Mickey Mouse, dem Krümelmonster, Bat-, Spider- oder Superman verkleidet, posieren am Times Square mit Kindern und Erwachsenen für Fotos und sammeln dafür Trinkgeld ein. Auch das ist hier ein Job wie jeder andere. Dazu kommen tausende von Zeitungsredakteuren, Marketing- und PR-Treibende, Bank- und Hotelangestellte, Unternehmensberater und sonstigen Mitglieder der arbeitenden amerikanischen Mittelschicht.

In Manhattan soll es rund 17.000 Restaurants geben (Bars nicht mitgerechnet), die alle – zumeist täglich – mit Fleisch, Fisch, Gemüse, Brot, Reis & Nudeln, Obst, Getränken und frischen Tischdecken versorgt werden. Kein Wunder, dass überall Transporter in zweiter Reihe stehen und große Lastwagen die Straßen verstopfen.

Ein ganz schön komplexes Durcheinander. Ja, nicht nur extrem wuselig, sondern tatsächlich komplex, denn sekündlich ändert sich hier die Situation, überall lauern Überraschungen. Auf jeden, der in dem Getümmel unterwegs ist und ein Anliegen hat. Durchschauen kann das alles keiner. Jedenfalls habe ich noch keinen Bürokraten der Stadt New York gesehen, der irgendwelche Pläne auf den Tisch legt, um das Geschehen zu ordnen. Keinen Angestellten der Bundesbehörde, der bunte Excel-Grafiken an die absurd großen Video-Leinwände am Time Square projizieren würde, um die Gesamtleistung der Ticketverkäufer zu messen und zu optimieren. Keinen Topmanager der Stadtverwaltung, der für die ganze Stadt Lebensmittel budgetiert sowie Transporte standardisiert und kontrolliert – mal von Ampeln und allgemeinen Verkehrszeichen abgesehen.

Und hier oben, in meinem Aussichtsturm, bin ich mir sicher: es braucht diese Koordinatoren auch gar nicht. Ordnung entsteht ohne Ordner. Und zwar eine hochgradig effiziente und effektive Ordnung. Eine Ordnung – und das beweist nicht zuletzt die Geschichte – die durch zentrale Planung und Steuerung nicht annähernd so effizient und effektiv bewerkstelligt werden könnte.

Einer der gravierendsten Denkfehler unserer Wirtschaftskultur ist der Irrglaube, dass stabile Ordnung dem Wirken ordnender Kräfte entspringen müsse.

New York beweist mir das Gegenteil. Und Berlin natürlich auch. Genauso wie Hannover oder Elze, das 6.000-Einwohner Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Das Phänomen, das diese unglaubliche Ordnungs- und Abstimmungs-Leistung hervorbringt, wird unter Experten Selbstorganisation genannt. Ein für den Laien unter Umständen missverständlicher Begriff, der darunter leidet, dass das Wort ›Organisation‹ auch immer etwas Aktives suggeriert, etwas, das gestaltet werden kann, soll oder gar muss. Aber die Handlungen in einem selbstorganisierten System braucht man gar nicht zu gestalten – sollte man auch nicht, wenn man es nicht schwächen möchte. Es braucht lediglich einen gewissen Gestaltungsrahmen: Gesetze und Verkehrsregeln beispielsweise.

Ich biete Ihnen dazu mal einen anderen Blickwinkel an: Trennen Sie bitte für einen Augenblick gedanklich ein System von seinen Protagonisten. Das fällt am Anfang etwas schwer, man kann es aber üben. Ein einfaches Beispiel: der eigene Körper bzw. Organismus. Hier ist es schnell offensichtlich, dass der Organismus ganz andere Eigenschaften hat als die einzelnen Organe und Blutbahnen. Oder schauen Sie auf eine Fußballmannschaft: dort können Sie unterscheiden zwischen den Spielern einerseits und dem Team andererseits. Gut, in New York wird fast kein Soccer gespielt… also nehmen wir lieber das Beispiel des Systems ›Gastronomie‹. Und wieder können Sie gedanklich unterscheiden zwischen dem System namens Restaurant oder Lebensmittelversorgung und den einzelnen Protagonisten -wie Restaurantbetreibern, Fahrern und natürlich Gästen, so wie ich einer bin.

Unter Umständen fällt es Ihnen nun leichter, die folgende Schlussfolgerung nachzuvollziehen: Ein System lässt sich nicht zielgerichtet gestalten. Denn das System kann gar nicht erkennen, ob es sich bei einer Handlung um eine negativ zerstörende oder um eine positiv ordnende handelt. Nehmen wir wieder das Beispiel des menschlichen Körpers: Hier spricht man davon, dass das Immunsystem einen Virus abstößt oder eine Krankheit auslöst. Dieses Bild dürfen Sie gerne auf jedes System übertragen. Jede Handlung, die auf das System einwirkt, hat das Zeug dazu, das System zu irritieren – aber wie das System mit einer Irritation umgeht ist ganz alleine seine Sache. Das heißt im Umkehrschluss: jedes System ist per se selbstorganisiert; jedes Unternehmen, jeder Markt auf dem Sie Ihre Leistungen feilbieten, jedes Team in Ihrer Firma oder Behörde. Wenn eine Führungskraft (oder auch ein Politiker) nun etwas Gutes tun möchte, dann darf sie oder er die Selbstorganisation stärken, idealerweise durch Lernangebote aller Art. Sie darf Infrastruktur verbessern. Sie darf sich selber aktiv für Höchstleistung einsetzen. Transparenz erhöhen und sämtliche Marktimpulse möglichst ungefiltert durchlassen. Aber im Zweifel gilt immer: Finger weg!

Ich mach das Fenster jetzt mal wieder zu. Von dem Gewusel dort unten wird mir ganz schwindelig. Ich gehe lieber noch etwas auf die Straße und genieße, Teil des Ganzen zu sein. Und, mal sehen, ob mir zuerst eine Bar oder ein Ticketverkäufer über den Weg laufen…


 

7 Kommentare

  1. H. Nowak sagt

    Selbstorganisation kann man nicht stärken oder schwächen. Sie ist. Jedoch ist nicht jeder Zustand, der durch Selbstorganisation entsteht, auch ein wünschenswerter Zustand. Wenn wir die Gesellschaft als selbstorganisierendes System verstehen, gehört auch die Politik dazu und ist kein Eingriff von außen. Politik hat die Aufgabe, Ziele zu verfolgen, das System „Gesellschaft“ nach vereinbarten Kriterien zu optimieren. Das „freie Wirken der Marktkräfte“ ist folgerichtig nicht erfolgversprechender als die „Planwirtschaft“. Es gilt doch vielmehr wie bei allen anderen Systemen, die wir versuchen zu steuern: eingreifen, beobachten, bewerten, eingreifen …

  2. Besucher sagt

    Was könnte eine Führungskraft, die die Selbstorganisation ihres Teams nicht unnötig stören will, ihrer eigenen Führungskraft antworten, die von ihr bestimmte Ergebnisse oder Ergebnissteigerungen erwartet?

    Und – von der anderen Seite her gefragt: Wie unterscheide ich eine einfach schwache, mutlose, konfliktscheue Führungskraft von einer, die sich „Selbsorganisation in mind“ bewusst zurückhält? – Im beobachtbaren Verhalten können sich beide sehr stark ähneln.

    Oder vielleicht doch nicht?

    aai

  3. Tilo Sinner sagt

    Vorsicht lieber Herr Dr. Vollmer, dass sollten Sie in Ihren Büchern, auf die ich übrigens sehr neugierig bin, genauer fassen:

    „Aber die Handlungen in einem selbstorganisierten System braucht man gar nicht zu gestalten – sollte man auch nicht, wenn man es nicht schwächen möchte. Es braucht lediglich einen gewissen Gestaltungsrahmen: Gesetze und Verkehrsregeln beispielsweise.“

    Gesetze und Regeln ändern sich ständig. Was früher als Schwächung verstanden wurde ist heute oder in Zukunft eine Stärkung. Beispielsweise im Bezug auf die Umwelt- und Energiegesetzgebung – also unser Ressourcen-System!

    Haben Sie wirklich Beispiele für selbstorganisierende Systeme (außerhalb der Wissenschaft), die ohne anpassende Gesetze und Regeln auskommen? Kleiner Tipp: die Finanzwirtschaft ist es nicht 😉

    Beste Grüße

    • Josef Ernst sagt

      Hallo Herr Sinner,

      Ich denke, weil sich Gesetze und Regeln aufgrund sich ändernder Situationen, Trends usw. ständig anpassen müssen, braucht es wohl so eine Art „Meta“-Regeln, die ein System längerfristig aufrecht erhalten können.

      Die Analogie zum Verkehr bietet sich ja geradezu an. Die simple Regel „rechts vor links“ reguliert sehr elegant schon sehr viel der Situationen, die sonst durch zig Handlungsanweisungen samt Definition von Ausnahmefällen gesteuert werden müssten. Noch eleganter ist in dieser Analogie dann der Kreisverkehr…

      Aber das verlangt eben ein anderes Verständnis von Gesetzen und Regeln – eben das eines rahmengebendes „Regelwerk“. Bezogen auf Unternehmen sind diese Meta-Regeln eigentlich das, was weitläufig als Vision/Mission und Unternehmenskultur herhalten muss. Selten sinnvoll angewendet und verstanden.

      Und leider verlangt das Verständnis von Selbstorganisation zusätzlich nicht mal so sehr das Vertrauen in die selbstorganisierenden Kräfte des Systems, sondern in das der einzelne Elemente als „Empfänger“ der Meta-Regeln. Übertragen auf Unternehmen heißt das nichts anderes als das Vertrauen in die eigenen Mitarbeiter. Und sowas kratzt teilweise sehr an unserem Menschenbild. Vielleicht ist das ja einer der Gründe, dass wir noch so wenig Beispiele kennen?

      Viele Grüße

      PS: Und wie wär’s mit der simplen Regel für das Finanzsystem: „Handle virtuell nicht mehr als realwirtschaftlich erzeugt wird“. Vielleicht ist das Finanzsystem dann kein wachsendes System mehr, aber zumindest ein stabiles.

      Von Krebszellen will man ja auch nicht, dass sie ewig wachsen 😉

  4. Besucher sagt

    Es gibt keine Selbstorganisation durch fehlende Ziele. In diesem selbstorganisierten System der Stadt New York, die ich übrigens sehr mag, gibt es andere Ziele, große Ziele und nicht die kleinen täglichen ToDos

    Machen wir es uns mal einfach und nehmen wir an oberstes Ziel in dieser Stadt ist es Geld zu verdienen. Ich glaube damit liegen wir bei den meisten Menschen auch gar nicht so falsch.

    Damit ist aber die Vision, das große Ziel klar. Im Falle New Yorks ist das sogar ein über Jahrzehnte konstantes Ziel. In welchem Unternehmen ist das auch so und wo wird es so umfassnd und einfach kommuniziert? Ich habe es noch nie gesehen.
    Unsere Führungsmannschften gliedern die Ziele immer weiter runter, so dass das große Ziel am Ende nicht mehr ankommt.

    Herr Vollmer, ich habe es sehr genossen Ihren Artikel zu lesen und ich hoffe er regt einige Manager dazu an, die Ziele Ihres Vorgesetzten direkt „und ungefiltert“, wie Sie es sagen, an die Mitarbeiter zu geben. Danach, und erst danach, sollte man mit den Mitarbeitern besprechen, was Ihr Teil ist, sein sollte und sein müsste. Ich glaube viele unserer Kollegen sind sehr wohl im Stande Ihre Ziele daraus abzuleiten.
    Vielleicht müssen Sie sich nur noch etwas an diese Freiheit gewöhnen. Wenn das dann der Fall ist, entsteht eine gewaltiges Geschwindigkeitssteigerung in Entscheidungsprozessen, weil die Mitarbeiter dieses Verhalten lernen.
    Nebenher entsteht auch großes Einsparungspotential in den Führungsebenen, aber das sollten wir dort noch nicht verraten…

    Schönen Gruß

  5. Besucher sagt

    Herr Vollmer was halten sie eigentlich von der GTD ( Gettings Things Done ) Methode ?

    • Lars Vollmer sagt

      Ich habe GTD als ein Werkzeug zur persönlichen Zeit-/Aufgabenkoordination kennengelernt und einige Personen in meinem Umfeld können damit ganz offensichtlich sehr virtuos umgehen. Es scheint also handhabbar zu sein.

      GTD, wie jedes andere Werkzeug auch, wird nur in den Händen eines Könners zu etwas nützlichem. Ähnlich wie eine gute Staffelei auch nur einem talentierten Maler etwas nutzt, mir hingegen nicht. Die Passung von Nutzer zu Werkzeug ist entscheidend. Die Frage darf also nicht lauten: ist GTD gut oder schlecht, sondern kann es in den richtigen Händen wirksam sein und das kann ich bejahen.

      Man könnte es auch mit Woody Allan sagen: „whatever works“.

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