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Was wir von Jazz statt von Klassik lernen müssen

Zwei Herren, der eine schon über siebzig, der andere nur neun Jahre jünger, schreiten gemächlich auf die Bühne, der eine mit Hemd und Sportjacke, der andere, ein bärtiger mit Rasterlocken, im grauen T-Shirt zur Jeans und mit einem Kaffeebecher in der Hand. Beide sehen aus, als wenn sie zu einer Probe oder zu einem lokalen Fußballspiel der Kreisliga schlendern, bei denen ihre Söhne mitkicken. Aber unvermittelt bricht ein frenetischer Jubel aus und fast 2.500 Menschen in der Alten Oper Frankfurt klatschen stehend Beifall. Dabei ist noch gar nichts passiert.

JazzbassDie beiden setzen sich, der eine an den schwarzen Steinways-Flügel, der Bärtige daneben auf einen billigen Stuhl, der wohl aus der Theater-Kantine noch kurz vor Beginn eilig herangeschafft wurde. Beide lächeln und winken kurz ins Publikum. Die Sportjacke bleibt an, der Kaffebecher in der Hand. Als es still wird im Saal fangen die beiden an, sich miteinander zu unterhalten. Sie scheinen zu flaksen und sich kurz abzustimmen – so richtig bekommt man das aus der 14. Reihe, in der ich sitze, nicht mit. Dann stellt der Bärtige den Becher auf den Boden vor sich, setzt sich so gerade hin, wie die Schüler aus Rühmanns Feuerzangenbowle und fängt an. Er singt. Es sind aber eher Geräusche als Töne. Er klopft sich auf den Brustkorb und erzeugt damit einen stark perkussiven Sound. Es groovt. Der andere setzt ein. Klangfarben, die nicht eindeutig zuzuordnen sind, und gleichzeitig viel Spannung aufbauen. Schließlich doch eine Melodie: »A Night in Tunesia«, ein Klassiker des 1993 verstorbenen Jazz-Trompeters Dizzy Gillespie. Ich höre den Titel so, wie ich ihn und wie ihn noch niemand zuvor auf der Welt gehört hat und hören wird.

Szenenwechsel. Ich lausche auf einem Kongress, bei dem ich die Abschlusskeynote halten darf, dem Vortrag eines Dirigenten. Er ist seit Jahrzehnten Chef verschiedener Sinfonieorchester. Keiner der Megastars aber ein arrivierter Künstler mit Weltruf. Er referierte über ein Orchester als Team und die Anforderungen an den modernen Manager, eben wie ein Dirigent jeden Mitarbeiter als Meister seines Faches anzusehen und ihm den Raum zur technischen wie musikalischen Entfaltung zu geben hat.

Die Metapher des Managers als Dirigent ist sehr populär. Sie gibt dem Berufsstand eine gewisse Form von Leichtigkeit, etwas künstlerisches bei gleichzeitig klarem Herrschaftsanspruch und mittels kleiner Anekdoten aus dem Orchesteralltag lässt sich dem lernbereiten Manager die hohe Kunst des Führens beibringen.

Auch ich halte den Vergleich zwischen Musik und Business für reizvoll, schon alleine, weil ich selber mein Studium mit Musik finanziert habe. Aber je länger ich dem Maestro zuhöre, desto skeptischer werde ich. Sicher, es gibt ein paar sehr passende Parallelen. Aber etwas ganz entscheidendes für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen im 21. Jahrhundert fehlt. Innovation.

Ich liebe klassische Musik – das sei vorausgeschickt. Ich bin ein großer Fan (darf man das eigentlich in diesem Zusammenhang so sagen?) von Bach, Brahms und Mozart. Ich weiß auch, dass die Interpretationsmöglichkeiten klassischer Musik  nahezu unbegrenzt sind und alle Jahre wieder bei einem schon lange bekannten Werk durch einen neuen Künstler bis dato ungehörte Nuancen zum Vorschein kommen. Aber eines bleibt: die Komposition. Der Geist des Komponisten. In anderen Worten: das Produkt bleibt bestehen. So wie ein Fahrzeug in unzähligen Varianten hergestellt werden kann. Aber ein Golf 5 bleibt ein Golf 5, auch mit Spoilern, in Zebra-Optik lackiert und von innen gefliest. Ein gutes Auto, ohne Frage, aber keine echte Innovation.

Wieder zurück in der Alten Oper. Der Blouson ist ausgezogen, der Kaffeebecher schon lange leer. Die beiden Alten haben sich derweil einen Raum für größtmögliche Innovation geschaffen. Nichts bleibt, wie es angefangen hat. Der Kontinent hat zum wiederholten Male gewechselt – von Tunesien haben uns die beiden zum Abschluss nach »Spain« geführt. Zwischendurch hat der rasterlockige Vokalakrobat uns, das Publikum, in eine Nummer einbezogen. Nicht durch ein »Schalalala«-Gegröle im Stile des Ballermann-Barden Mickie Krause, sondern durch eine kleine mehrstimme Blues-Sequenz, zu der er seinerseits immer wieder unglaubliche Improvisationen beiträgt.

Improvisation, das ist überhaupt das Schlüsselwort. Es prägt die Jazz-Musik wie keine andere. Auch zu Mozarts-Zeiten wurden schon die sog. Kadenzen vom Interpreten frei gespielt. Es gab keine Vorgaben, nur der Künstler entschied, wie er seine Improvisation in den Gesamtkontext einbinden wollte. Und dieser Abend in Frankfurt zeigt uns diese Haltung in Vollendung. Es ist begeisternd, mit welchem Enthusiasmus die beiden agieren, sich gegenseitig hochschaukeln und uns wie sich selber dabei immer wieder überraschen. Und es sind eben genau diese Überraschungen, die das abgelieferte Produkt so großartig machen.

Für mich steht fest: nicht der Dirigent ist die richtige Metapher für gute Führung, sondern eine Jazzband. Eine Jazzband hat keinen Dirigenten und es würde mit ihm auch die Qualität merklich schwinden. Es gibt in manchen Jazzbands zwar den großen Star, um den die Band herum zusammengestellt wird. Aber es entsteht nur die Innovation von der noch jahrelang erzählt wird, wenn jeder einzelne Freiheit im Spiel bekommt und sich die Freiheit auch nimmt. Wenn  man den Kollegen konzentriert zuhört und die Ideen musikalisch weiterverarbeitet. Wenn Blickkontakt herrscht, also intensive Kommunikation auch ohne Worte besteht. Wenn ein Notenblatt den Start einer Nummer liefert, aber nie deren geplanten Verlauf und Ende. Wenn echte Könner spielen, die den Willen haben, sich durch den Kontext der Band und des Publikums weiter zu entwickeln und die Möglichkeit haben, sich ihren Fähigkeiten entsprechend zu verausgaben. Wenn Irrtum der Beginn von Innovation ist. Und wenn die Kunden durch Klatschen, Jubeln und „Hurra“-Rufe Anerkennung zollen.

Danke an Bobby McFerrin und Chick Corea für den großartigen Abend.

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