Führung, Wirtschaft
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Wenn »Soweit ging’s gut« Ihr bestes Argument ist

Seit vielen Monaten mache ich ein riesiges Theater um das Theater, das in den Unternehmen gespielt wird: Also die Meetings aller Couleur, die Mitarbeitergespräche (hier und hier), die Budgets (hier und hier), die leistungsgerechten Bezahlsysteme (hier), die Prozessbeschreibungen (hier und hier), die Checklisten (hier, hier und hier), die ergebnisorientierten Aufgabenbeschreibungen … na, all die ganz normalen Managementmethoden eben. Ich sage, das ist alles Theater, das ist alles nichts, wovon am Ende des Tages die Rechnungen und Gehälter bezahlt werden. Warum? Weil der Kunde darin schlicht nicht vorkommt. Weil all das keine echte Arbeit ist.

Nun können Sie meiner These glauben oder nicht. Sie können sagen: Mitarbeitergespräche sind sehr wohl Arbeit! Aber das wäre nicht nur falsch, sondern langweilig und belanglos. Viel klüger wäre, Sie würden sagen: Na und? Wo ist das Problem? Dann sind Boni eben keine Arbeit, sondern nur Theater. Das macht doch nichts! Warum regt sich der Vollmer darüber so auf, als handelte es sich um einen ausbleibenden Elfmeterpfiff nach einem klaren Foul an Messi im Strafraum?

Das kommt darauf an …

Nun, das ist durchaus eine spannende Replik. Ich würde antworten: Das Theater ist ein Problem, weil Sie früher oder später pleite gehen, wenn Sie zu viel davon haben.

Tja, ob Sie das überzeugt? Schließlich sind da draußen doch etliche theaterspielende Unternehmen, die alle noch existieren – es gibt Beispiele wie Sand am Meer, die ganze Bücher füllen, wie etwa »Zurück an die Arbeit!« (sic!).

Das mag sein. Doch erstens habe ich nicht behauptet, Unternehmen, die zu viel Theater spielten, würden SOFORT pleite gehen. Sondern früher oder später. Und ich habe zweitens gesagt, dass das ZUVIEL an Theater die Unternehmen umbringt. Ein Quantum Trost in Form von ein paar menschlichen, allzu menschlichen Meetings und so weiter macht ja auch das Leben schön, an so einem gewöhnlichen Wochentag zwischen Dienstantritt und Feierabend … auch wenn der Kunde nicht unbedingt etwas davon hat.

Die Frage ist nun: Was ist denn nun »früher oder später« und wie viel genau ist denn »zu viel«?

Und ich müsste antworten: Das kommt darauf an …

Nun, das ist ja ganz schön unbefriedigend. Darum will ich an dieser Stelle ein ungleiches Pärchen erhellender Beispiele bringen. Erstens das Beispiel aller Beispiele und zweitens den einzigen Bäcker im Dorf.

Apfelblüte

Das Beispiel aller Beispiele ist natürlich Apple. Auf der Ex-Garagenklitsche aus Cupertino in Kalifornien wird in letzter Zeit fleißig herumgekloppt: Die Produkte seien nicht mehr so cool wie unter Gründer und Messias Steve Jobs, der leider zu früh verstorben ist. Und ja, das stimmt: So cool sind sie wirklich nicht mehr. Sie sind auch gar nicht mehr besser als der Wettbewerb. Die früher übliche Großinnovation im Drei-Jahres-Turnus ist passé. Apple stellt immer mehr Mitarbeiter ein, baut sich ein gigantisches neues Büro-Ufo, aber bei den Kunden kommen irgendwie keine begeisternden, innovativen, inspirierenden Produkte mehr an. Die Wettbewerber haben alle Neuerungen der letzten Jahre übernommen und können’s mittlerweile genauso gut. Apple wurde technologisch eingeholt. Alle sind enttäuscht.

Nur die Anleger nicht, denn die Apple-Aktie rauscht von Rekord zu Rekord, die Umsätze auch. Auf dem Papier ist Apple nach diversen Kenngrößen erfolgreicher denn je und sogar die mit Abstand erfolgreichste Firma der Welt. Aber eigentlich ist Apple doch nicht mehr so wertschöpfend wie früher, oder? Der Theateranteil müsste doch zugenommen haben. Sonst würde Apple mehr Innovationen ausspucken und die Kunden mehr begeistern. Oder? Wie passt das zusammen?

Das ist einfach zu erklären, wenn Sie Omas Rezept und den einzigen Bäcker im Dorf kennen.

Omas Rezept

Der einzige Bäcker im Dorf verkauft Brötchen. Schon die Generation davor und auch die Generation vor der Generation davor hat in diesem Bäckerladen Brötchen verkauft. Es gab ihn schon immer. Der einzige Bäcker im Dorf war und ist eine Institution. Der Bäcker weiß, dass er alteingesessen ist. Und er weiß, dass das seine strategische Stärke ist. Im Schaufenster hängt darum schon seit Jahrzehnten ein Schild: »Dorfbrötchen nach Omas Rezept!«

Und der Blick auf die Zahlen ist dem entsprechend überzeugend: Die Umsätze sind stabil, die Gewinne auch. Alles bestens. Und wenn Sie die Kunden fragen, ob sie zufrieden sind und wie die Brötchen schmecken, dann sagen die: »Wieso? Sind halt Brötchen …« Und kaufen weiter jeden Morgen Dorfbrötchen nach Omas Rezept.

Na also: Läuft doch alles! Der macht doch alles richtig, könnten Sie sagen.

Doch dann kommt der Tag, an dem im neuen Industriegebiet an der Kreuzung vor dem Dorf ein Supermarkt eröffnet – mit einer Backstube drin. Und in der Backstube werden Brötchen gebacken. Die Supermarktbrötchen schmecken anders. Und das reicht schon, damit sie besser sind. Logisch, sie sind ja auch nicht nach Omas Rezept gebacken.

Es dauert genau eine Woche, bis sich das im kompletten Dorf herumgesprochen hat. Wenn Sie dann die Kunden nochmal fragen, heißt es plötzlich: »Oh Gott! Die Brötchen vom einzigen Bäcker im Dorf sind so mies! Würde er doch bloß mal aufhören, nach Omas Rezept zu backen! Und ich wusste auch gar nicht, dass es nach 17:30 auch noch Brötchen geben kann … und dass es noch andere Brötchen außer Dorfbrötchen gibt … und überhaupt.«

Tja, und dann ist es vorbei mit dem alten Bäcker. Aus und vorbei. Er macht Ende des Jahres dicht, die Bäckersfrau bewirbt sich als Verkäuferin in der Backstube des Supermarkts und der Bäcker vermietet seinen Laden an die Volksbank, die darin einen Geldautomaten aufstellen will.

Wenn »früher oder später« heute ist

Das heißt: Möglicherweise ist Apple so wie der einzige Bäcker im Dorf, eine Woche bevor der neue Supermarkt eröffnet. Denn solange Samsung und Konsorten ebenfalls nur Dorfbrötchen nach Omas Rezept backen, kann Apple weiterhin das wertvollste Unternehmen der Welt sein.

Und vielleicht ist auch Ihr Unternehmen, in dem fast schon die Hälfte der Zeit für Pläne, Gespräche, Meetings und dergleichen Theater aufgewendet wird so wie der einzige Bäcker im Dorf, eine Woche bevor der neue Supermarkt eröffnet. Deshalb sagen alle: »Na und? Läuft doch! Die Umsätze sind stabil, die Gewinne auch. Alles bestens.«

Früher oder später kann also zu viel Theater dann doch das Aus bedeuten. Und zwar ist »früher oder später« genau dann, wenn plötzlich der Markt mit der Abrissbirne zuschlägt: Ein Wettbewerber taucht auf, der wertschöpfender arbeitet als Ihr Unternehmen. Und dann ist das ganze schöne Theater auf einen Schlag »zu viel«.

4 Kommentare

  1. Ich liebe Herrn Vollmers Beschreibung, die sich in äußerst humorvoller Art so an der Wirklichkeit orientieren. So dass man sich den Kopf schüttelt und fassungslos fragt: „Kann das wirklich wahr sein?“. Ich vermute schon, aber kommt dies bei der Elite unserer Entscheidungsträger an? Bisher ging es ja gut so……

  2. Karl Leinstein sagt

    Ja, aber das Beispiel Apple ist eigentlich andersherum zu verstehen. Noch ist nicht zu erkennen, wer von den Mitbewerbern es besser macht. Noch ist nicht zu erkennen, wer welche wirklichen Innovationen, die auch gut funktionieren anbietet. Nicht falsch verstehen, aber Apple funktioniert als mächtiger Konzern immer noch erstaunlich gut und kümmert sich um die Kunden. Ohne Apple gäbe es übrigens gar kein SAMSUNG S irgendwas, keine Apps, ecet.. Klar, die funktionieren nicht mehr komplett wie ein Startup, wie es Jobs berichtet hat, aber Vorreiter in der Technologie sind die allemal. Funktionierende, verlässliche Systeme mit einfacher Anwendung haben Apple gross gemacht. Übrigens Apple hat auch Google geholfen zu dem zu werden was sie sind. Apple, Google, Amazon, spielen in einer anderen Liga. Apple hat den Vorteil Hardware und Software unter Kontrolle zu haben. Google muss da erst gewaltig aufholen. Amazon ist nur mit der Lösung von komplizierten Problemen beschäftigt, wirkliche Innovationen kommen da keine. Geld wird auch noch wenig verdient…
    Summasumarum: Noch hat Apple die Nase vorn ! Ggestern erst hatte mein Bekannter mit einem leeren Akku seines SAMSUNG S7 seine liebe Not. Zum Glück hatte er ein altes iPhone mit… .-))

  3. Karin Baldauf sagt

    Sobald in einem Unternehmen die Umsätze runter gehen oder rapid nach oben schnellen, tritt sofort der „Aktionismus“ (Meetings, Meetings, Meetings….) in Kraft und meist macht man mehr vomselben was (nicht) funktioniert hat. Puh, ach ja – da gab es ja noch etwas im Unternehmen: der Kunde – was will der, er soll uns jetzt ja nicht stören, wir haben schließlich wichtigeres zu tun! Zum Beispiel zu beweisen, daß die eigene Abteilung das Wachstum gefördert hat oder um ja zu beweisen, daß man für die Miesere keine Verantwortung trägt und sogar vor Monaten davor gewarnt hat. Wie sagte schon #Paul Watzlawick „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ (Zitat von Paul Watzlawick). Eigentlich wäre es einfach….eigentlich..

  4. Eigentlich nichts anderes als die (altbekannte) Regel: investiere in Zeiten, in denen es Dir gutgeht. Inzwischen heisst es nur: entwickle Dich weiter in Zeiten, in denen es Dir gutgeht. Kann man derzeit in der Bankenbranche sehen, wo das hinführt – man hätte vor Jahren in Innovation investieren können, als die Zahlen es noch problemlos hergaben. Aber die Hauptinvestitionen gingen in das „Theaterspielen“.

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