Arbeit, Führung
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›Wertschöpfung‹ kommt nicht von ›Werte‹

Es ist schon erstaunlich! Da fordert Jogi Löw von seiner Mannschaft, für die Fans Vorbild zu sein, und lässt den Wolfsburger Fußballprofi Max Kruse wegen unprofessionellen Verhaltens nicht an Länderspielen teilnehmen – vielleicht erinnern Sie sich an letzten Monat, er hatte eine Bild-Reporterin angegriffen, die ihn unerlaubt fotografiert haben soll.

Natürlich ist das nicht nett, keine Frage. Und Löw erntete breite Zustimmung dafür, mal wieder richtig durchgegriffen zu haben. Nun gibt es aber die berühmte andere Seite der Medaille, die seine Reaktion doch etwas verwunderlich erscheinen lässt: Löw selber wurde wegen Raserei schon mehrmals der Führerschein abgenommen – zuletzt kurz vor der Weltmeisterschaft 2014. Haben Sie sicherlich auch gelesen. Das nenne ich auch kein verantwortungsvolles Verhalten. Ja, da hat er seine geforderte Vorbildfunktion selber nicht erfüllt – und trotzdem hat er kurz darauf mit der Nationalmannschaft die WM gewonnen und einen Fußballwahn ausgelöst.

Die Hoffnung lastet auf Vorbildern

Was das eine mit dem anderen – und vor allem mit Ihnen – zu tun hat?
Nun, der Vorfall brachte mich zu einer Frage, die auch für Unternehmen gilt: Warum sollen Führungskräfte unbedingt bestimmte Werte vertreten und Vorbild sein? Was erhoffen sich die Organisationen davon?

Die Antwort ist meines Erachtens zweigeteilt: Erstens hoffen sie, sich durch moralisch wertvolles Verhalten eine positive Rolle in der Gesellschaft zu konstituieren. Und zweitens schwingt der implizite Glaube mit, dass sich vorbildliche Führungskräfte positiv auf den Erfolg des Unternehmens auswirken, weil sie als positives Beispiel für ihre Mitarbeiter vorangehen.

Die Sache ist aber, dass ein Person für vieles Vorbild sein und gar nicht bestimmen kann, wofür sie als Idol herangezogen wird. Sie können beispielsweise versuchen, den Wert ›Selbstverantwortung‹ vorzuleben, und dennoch als Leitfigur für ›Ich halte meine Mitarbeiter an der kurzen Leine‹ enden. Ganz richtig, Sie können Vorbild für Dinge sein, für die sie überhaupt nicht stehen möchten.

Wertschöpfung kommt nicht von ›Werte‹ - Für die Wertschöpfung ist es irrelevant, ob Jogi Löw ein Vorbild im Straßenverkehr ist oder nicht.

Elton John wie Jogi Löw

Mitarbeiter wie auch Fußballfans entscheiden nämlich selber, welche Aspekte einer Persönlichkeit sie sich heraus picken und gut finden (ausführlicher habe ich das in diesem kontrovers diskutierten Artikel, erschienen bei ManagerSeminare, beschrieben: »Chefs können nicht qua Beschluss Vorbild sein – eine Widerlegung in drei Schritten«). Und die Aspekte, die ihnen nicht zusagen, oder sonstiges Fehlverhalten blenden sie einfach aus. So wie ich bei Elton John in den 1990ern: Mit seinen Perücken und Outfits könnte ich nicht viel anfangen. Das war aber vergessen, sobald er am Klavier saß und über die Tasten glitt.

Und so wird Jogi Löw trotz seiner Raserei von vielen als Vorbild wahrgenommen. Vielleicht nicht unbedingt für regelkonformes Autofahren, aber eben für andere Dinge – für seine Führungskompetenz, seinen Ehrgeiz, was auch immer. Und das Rasen? „Der hat halt mal Mist gebaut“, heißt es dann. Schwamm drüber, vergessen.

Der Zusammenhang von Werte und Erfolg

Das Wichtigste, was Sie aus dem Beispiel von Jogi Löw ziehen können, ist jedoch Folgendes: Für die Wertschöpfung ist es weitestgehend irrelevant, ob eine Führungskraft Vorbild ist oder nicht.
Wäre dem so, hätte sich im Falle von Jogi Löw dessen Entgleisung vor der WM ja direkt auf die Performance der Nationalspieler auswirken müssen. Hat es aber nicht. Denn die Wertschöpfung, also Spiele zu gewinnen, war trotzdem höchst möglich – sie hat für Ruhm, Ehre und Geld für den DFB gesorgt: Die deutsche Mannschaft hat trotz mangelnder Vorbildfunktion ihrer Führungskraft den Titel geholt. Aktueller hat das Image des DFB eher durch die Eskapaden von Beckenbauer und Co. gelitten. Einen Einbruch in der Spielerleistung habe ich aber auch seither nicht erkennen können. Sie etwa? Ist eben eine Turniermannschaft.

Für Unternehmen ist Wertschöpfung selbstverständlich etwas anderes. Und dort kann ein organisationeller Wertebruch in Ausnahmefällen auch die Reputation eines Unternehmens in wirtschaftlich relevantem Maße empfindlich stören (VW, Shell, Schlecker, usw.). Und dennoch: auch dort gibt es keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Einhaltung von geforderten Werten durch die Führungskräfte und dem Erfolg des Teams bzw. des Unternehmens.

Hören Sie also auf, von Führungskräften zu fordern, sie sollen Vorbild für bestimmte Werte sein. Oder hören Sie selbst auf, Vorbild sein zu wollen. Und am aller wichtigsten: Lösen Sie sich von der irrigen Vorstellung, dass Sie bestimmte Werte vorleben müssten. Selbst wenn Sie es tun, kann das zufällig Einfluss auf die Wertschöpfung haben – muss es aber nicht.

Wertschöpfung kommt eben nicht von Werte.


 

 

 

9 Kommentare

  1. Hallo H. Vollmer,

    (Trotz des parallel erfolgten 6:2-Sieges von Werder über den VfB Stuttgart fand ich es eben mindestens genauso spannend, diesen kleinen Kommentar zu schreiben.)

    Ihrer Argumentation kann ich in hohem Maße zustimmen. Wertschöpfung kann kein zwangsläufiges Resultat der vorbildlichen Einhaltung von Werten sein. Wenn eine Führungskraft aufgefordert wird, sie solle bitteschön die Unternehmenswerte vorbildlich vorleben (finden wir so was nicht in den Statements zu Unternehmensleitbildern?), dann kann niemand bestimmen, was dies wirklich bewirkt: welchen Einfluss hat überhaupt eine vorbildliche (oder auch nur mäßig vorbildliche) Einhaltung eines bestimmten Wertes auf die Wertschöpfung im Unternehmen? Wie Sie schreiben: es kann …, es muss aber nicht; und schon gar nicht, in welchem Maße!

    Im abschließenden Absatz schränken Sie meiner Meinung nach aber Ihre Argumentation ein:
    „… Vorbild für bestimmte Werte …“,
    und
    „… bestimmte Werte vorleben…“.
    Scheinbar hat eine allgemeine Werteorientierung – nicht nur von Führungskräften, und ohne gleich ein Vorbild sein zu müssen – also doch Einfluss auf die Wertschöpfung.

    Ich möchte daher Ihr Abschlussstatement „Wertschöpfung kommt eben nicht von Werte.“ in Frage und Folgendes zur Diskussion stellen: die Einhaltung von Werten überhaupt (vielleicht möchte man von „Grundwerten“ sprechen), hat ziemlichen Einfluss auf die Wertschöpfung; denn stellen Sie sich vor, der Meister in der Montage oder die Chefin der Marketingabteilung gehen ganz ohne Werte, „rücksichtslos wie die Axt im Wald“, durch ihr Berufsleben!?

    Vielleicht kommt Wertschöpfung doch von Werte, nur eben nicht von „vorleben“ und „vorbildlicher Einhaltung“ bestimmter Werte.

    Mit besten Grüßen

    Ihr

    Roland Dammers

    CON.DA

    • Lieber Herr Dammers,

      danke für Ihren Kommentar, sehr reizvoll.

      Wir führen in der Wirtschaft nach meiner Wahrnehmung seit geraumer Zeit eine intensive Wertedebatte. Sehr häufig wird sie mit dem moralischen Zeigefinger geführt. Das ist vermutlich äußerst menschlich und auch ein wichtiger sozialer Aushandlungsprozess in einer Gesellschaft.

      Auch ich fühle mich in Umfeldern wohler, in denen ein gepflegter Umgangston herrscht, in denen ich von Redlichkeit und Integrität der handelnden Personen ausgehen darf. Das könnte ich auch auf ‚höhere‘ Werte ausdehnen.

      Mein Punkt ist nur, dass es keinen ›kausalen Durchgriff‹ des Werte-Systems auf das wirtschaftliche System gibt. Beeinflussung sehr wohl aber eben keine Kausalität. Denken wir nur an die Grundlage von Innovationen, also Ideen. Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass die guten Ideen gerade dann kommen, wenn man in die Ecke getrieben wird. Wir sollten mal McGyver fragen. Und genauso andersherum kommt uns vielleicht eine Idee, wenn wir im grünen Sitzsack entspannt den Kollegen beim Tischkickern zuschauen.

      Daher bleibe ich bei meinem Statement: Wertschöpfung kommt nicht von ›Werten‹

      Mit bestem Gruß
      Lars Vollmer

  2. Christoph Betz sagt

    Hallo Herr Vollmers,

    ich komme nicht umhin, in mir diesem Blog zwei wesentliche Ungenauigkeiten einzubilden.
    1. Herrn Löws Verhalten im Verkehr disqualifiziert ihn nicht als Vorbild für die Fussballer des Nationalteams. Es kommt doch darauf an, was das Team erfolgreich macht. Einhalten der Geschwindigkeitsbeschränkungen im Straßenverkehr ist da irrelevant. Müsste Herr Löw Teilnehmer am „Idiotentest“ trainieren und bewerten, wäre dies vielleicht etwas anderes.
    2. Ja, es ist richtig, Vorbild kann man nicht sein, zum Vorbild wird man gemacht oder gewählt. Um dafür in Frage zu kommen, ist jedoch vorbildhaftes Verhalten notwendig. Zumindest in den Bereichen, von denen man bestimmtes Verhalten der Mitarbeiter als für den Unternehmenserfolg relevant hält.
    Oder liege ich mit meinen Gedanken da völlig falsch?
    Viele Grüße,
    Christoph Betz

    • Lieber Herr Betz,

      Ich nehme Ihre Gedanken überhaupt nicht als falsch wahr, sondern als den Kern der Sache.

      Denn gerade darauf möchte ich ja hinaus: ob ich jemanden als Vorbild nehme und für was genau, entscheide ich, nicht der andere. Und Herr Löw muss gar nicht als Vorbild für anständiges Benehmen herhalten, wenn es sein Job ist, eine Fußballmannschaft zusammenzustellen und zu trainieren. Moralisch vielleicht aber keineswegs für die Wertschöpfung, hier also für das erfolgreiche Absolvieren von Fußballspielen.

      Genauso muss eine Führungskraft nicht – im Sinne der Wertschöpfung wohlgemerkt – als Vorbild für – sagen wir mal: »transparentes Handeln« herhalten, wenn es ihr Job ist, ein Team von Entwicklern zusammenzustellen und zu einer marktfähigen Innovation zu verhelfen.

      Besten Dank für Ihren Einwurf.
      Lars Vollmer

  3. KD Hüttel sagt

    Lieber Herr Vollmer.
    Artikel passt, sehe ich identisch.

    Was ist, wenn ich „Vorbild“ durch „vorleben“ ersetze?
    Ist es denn nicht das, was bei Einhalten von Regeln unabdingbar ist?

    Beste Grüße

    KD Hüttel

  4. SJ sagt

    Im Kern, denke ich, sind ihre Gedanken passend und sie spiegeln wider, was in vielen Unternehmen abläuft. In diesen Unternehmen sind Führungskräfte dann aber eher als Manager und nicht als Visionäre oder klare Vorbilder zu sehen. Führungskräfte, die sich den Werten des Unternehmens verschreiben und diese konsequent leben, können ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen und demnach auch als visionär und vorbildlich gelten. Das Beispiel Jogi Löw passt hier einfach nicht. Im Endeffekt ist es wohl auch immer eine Frage der Definition von Wertschöpfung. Die rein erfolgsorientierte Wertschöpfung benötigt nicht zwingend das Leben von Werten von Führungskräften. Eine andere Sicht auf Wertschöpfung, die auch die Zugehörigkeit in Unternehmen und das nicht monetäre Social Capital einschließen, kann dies aber durchaus erfordern. Im Grunde widerspricht das aber nicht ihrer Aussage, denn alles kann, nichts muss… 😉

  5. Guten Tag Herr Vollmer,

    mir doch egal ob der Löw zu schnell fährt. Übel nehmen würde man es Ihm wahrscheinlich genau dann, wenn er rast und dabei Jemand zu Schaden kommt. ( Jetzt aber nicht auch noch mit dem Hoeneß anfangen).

    Signale die von oben kommen, oder eben auch nicht, wirken – und da muss ich mir als Mitarbeiter gar nicht aussuchen ob und wenn ja, wer mein Vorbild sein soll. Chefs die Wasser predigen (Wir müssen rigoros sparen) und Wein trinken (aber am nächsten Tag einen fetten neuen Dienstwagen bestellen) sind unglaubwürdig. Natürlich bricht deswegen nicht sofort der Umsatz ein, aber förderliche Auswirkungen hat es auch nicht, zumal ja bekanntlich immer eins zum anderen kommt.

    Beste Grüße aus Hamburg
    Beate Teschner

  6. Guten Tag Herr Vollmer,
    Meine Kunden kommen aus dem Mittelstand und deren Chefs und Mitarbeiter haben meistens einen beruflichen Werdegang als Handwerker hinter sich. In einem solchen Umfeld stimmt Ihr Artikel nur bedingt. Dort ist der Chef eine zentrale Vorbildfigur und der Satz „Wie der Herr so’s G’scherr“ ist hier Programm.
    Außerdem ist es doch so, dass die Werte einer Person das Verhalten gegenüber anderen prägen bzw. bestimmen. In meiner Erfahrung hängt der direkte Erfolg eines Unternehmens sehr wohl mit der „Leitkultur“ in der Chefetage ab. Dort wo „Werte-los“ geführt wird, leidet die Produktivität eines handwerklich geprägten Unternehmens erheblich, welches sich bekanntlich direkt auf die Wertschöpfung auswirkt.

    Ansonsten: Kompliment für Website und Themen hier. Habe das heute erst entdeckt.

    Freundliche Grüße von Sebastian Risch

  7. Vielleicht ist es viel entscheidender, welche Werte im Umgang mit der Mannschaft -um mal beim Fußball zu bleiben- vorgelebt werden. Ich meine damit zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit auf Augenhöhe, Fairness, ein Gespür für Konflikte etc. Es gibt immer wieder erstaunliche Wandlungen in Teams zu beobachten, bei denen ein Trainerwechsel stattfindet und zu Wertschöpfung führt, um es mal so auszudrücken und oft kann man gar nicht glauben, dass hier die gleichen Spieler auf dem Platz sind wie vor dem Wechsel. Für diese ist es sicherlich nicht entscheidend, wie der Trainer sich im Straßenverkehr benimmt, sondern innerhalb der Mannschaft. Das gleiche könnte man auch auf die Unternehmensebene beziehen und ich denke da zum Beispiel an den Chef-Wechsel bei Bosch vor einigen Jahren, der dafür gesorgt hat, dass Produktivität und Umsatz derzeit so stark wie nie zuvor sind.

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