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Wrong Turn in der deutschen Gerichtsbarkeit – man darf sich getrost wundern.

Meine Freundin Petra ist Staatsanwältin in einer deutschen Großstadt, genauer gesagt: Oberstaatsanwältin. Die Fälle, die sie bearbeitet kennt man für gewöhnlich nicht. Sie macht auch nicht gerne Aufhebens um ihre Person. So einen Fall, wie die Klage gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff, hätte sie gar nicht haben wollen. Und sie hätte ihn auch gar nicht gekriegt, selbst wenn sie in Hannover arbeiten würde, denn Petra macht nur »Ru bis Schn«

Angeblich spielen knapp 20 Millionen Deutsche wöchentlich Lotto, Sie auch? Ich habe mal etwas über Tipp-Strategien gegoogelt, es ist wahrlich sagenhaft, welche Ideen für den todsicheren Tipp ausbaldowert werden. Sehr beliebt sind beispielsweise grafische Methoden, die also Mustern oder Figuren auf dem Tippfeld die höchste Gewinnwahrscheinlichkeit zusprechen. Lächerlich, denke ich so bei mir, als wenn sich die Zahlen in einer Lostrommel daran erinnern, auf welcher Stelle des Tippfeldes sie sich befinden und sich untereinander absprechen, damit sich das Bild eines Erdmännchens ergibt.

Dann habe ich nach der Wiederholungsstrategie Ausschau gehalten. Diese Strategie geht davon aus, dass exakt die Zahlen der letzten Woche noch einmal gezogen werden. Aber diese Strategie tauchte nie auf, wo ich auch geguckt habe. Mmh, sollte mich das wundern oder ist das eher eine ziemlich naive Strategie? Wohl eher naiv! Warum sollte eine Kombination von 6 aus 49 möglichen Zahlen auch exakt zweimal hintereinander kommen? Dieser Strategie bedient sich sicher kein Mensch. Oder doch?

Justitia400x600Werfen wir nochmal einen Blick auf die deutsche Gerichtsbarkeit. Nehmen wir mal an, Sie seien der Che-Bo-Bo von meiner Freundin Petra, also der Chef-Boss-Boss, der Boss vom Boss ihres Chefs. Eine Aufgabe von Ihnen wäre es, die Kapazität von den sagen wir mal 30 Oberstaatsanwälten und 250 Staatsanwälten der Großstadt zu organisieren. Natürlich müssen Sie auf fachliche Eigenheiten achten. Abgesehen davon dürfte es Ihr Ziel sein, eine möglichst gleiche Auslastung aller Personen zu realisieren. Auf Deutsch: alle sollen annähernd gleich viel zu tun haben, so dass Sie die immer viel zu viele Arbeit (Fälle) mit den eigentlich immer zu wenigen Mitarbeitern (Staatsanwälten) auch schaffen können.

Die Aufgabe klingt nachvollziehbar, aber wie lösen Sie sie? Mit welcher Strategie können Sie die auftretenden Verbrechen auf 30 Oberstaatsanwälte verteilen? Ich hätte Sie gerne jetzt auf eine falsche Fährte geführt, um das Bloglesen noch ein wenig spannender zu machen. Aber die Realität ist so dermaßen kurios, dass ich kaum an mich halten kann. Passen Sie auf:

Jeder Oberstaatsanwalt deckt eine Spanne im Alphabet ab, bei Petra ist es »Ru bis Schn«. Damit sind die Anfangsbuchstaben der Angeklagten gemeint. Beispiel: einen Fall illegalen Drogenbesitzes, dessen Angeklagter Rubinski heißt, bekommt Petra. Eine Frau Schneider würde als Angeklagte auch bei Petra landen. Hieße der Angeklagte Hoeneß oder Wulff mit Nachnamen, geht der Fall zu Petras Kollegen. So weit so gut. Aber wie wird die Alphabetsspanne den Staatsangestellten nun zugewiesen? Schließlich sollen ja alle Anwälte möglichst die gleiche Arbeitsbelastung haben. Woher weiß der Che-Bo-Bo zu Beginn eines Jahres, auf welche Nachnamen die Fälle der kommenden 12 Monate verteilt sind? Die Antwort erahnen Sie vielleicht schon: es grüßt uns die Wiederholungsstrategie.

Tatsächlich! Zu Beginn eines Jahres schreibt sich die Staatsanwaltschaft alle relevanten Fälle des Vorjahres untereinander, alphabetisch sortiert. Nun werden diese Fälle gedanklich möglichst gleichmäßig auf die bearbeitenden Staatsanwälte verteilt. Am Schluss des Prozedere steht fest, welche Alphabetsspanne jeder Staatsdiener in den kommenden 12 Monaten zugeordnet bekommt. Die Aufteilung der Zuständigkeit für das Jahr 2014 resultiert also aus den Angeklagten des Jahres 2013. Etwas überspitzt lautet die Annahme: die Namen der Angeklagten des Jahres 2013 werden auch die Namen der Angeklagten des Jahres 2014 sein.

Hier findet die Wiederholungsstrategie Anwendung. Eine Strategie, deren ernsthafte Anwendung ich eigentlich niemandem zugetraut hätte. Eine Strategie, die die Steigerung der so genannten Truthahn-Illusion darstellt. In meinem Buch »Wrong Turn« erinnere ich an diese schon rund 100 Jahre alte Geschichte von Betrand Russell. In seiner kleinen Fabel beobachtet ein Truthahn 999 Tage lang, dass er immer gleichmäßig morgens um 9:00 Uhr sein Futter erhält. Jeden Tag. Immer wieder. Und mit jedem Tag erhöht sich für den Truthahn – im übrigen auch statistisch – die Wahrscheinlichkeit, dass am nächsten Morgen auch um 9:00 Uhr der Futtertrog gefüllt wird. Am tausendsten Tag endet die Strähne des Truthahns jäh und er wird rechtzeitig zu Thanksgiving geschlachtet. Ganz schön naiv so ein Truthahn, dass er dachte, es würde immer so weiter gehen, oder?

Die Truthahn-Illusion beschreibt die Illusion, dass man unbekannte Risiken berechnen könnte. Die statistische Tatsache, dass die Fußball-Mannschaft von Bayern München nach einem 2:0 Vorsprung in der Champions League noch nie verloren hat, sagt lediglich etwas über die Vergangenheit, nie aber über das gerade laufende Spiel aus. Die Tatsache, dass es in der japanischen Erdbebenzone noch nie ein Beben der Stärke 9,0 gegeben hat, sagt lediglich etwas über die Vergangenheit aus, nichts aber über die Zukunft. Die Tatsache, dass letzte Woche die Zahl 32 bei der Wahl ›6 aus 49‹ gezogen wurde, sagt lediglich, dass sie letzte Woche gezogen wurde und natürlich nicht, dass sie auch nächstes Mal gezogen wird.

Bei Petra ist es nicht anders: Die Tatsache, dass im Jahr 2013 die Nachnamen von 45 Angeklagten mit den Anfangsbuchstaben Ru-Schn beginnen, sagt etwas über die Verteilung des Jahres 2013 aus, nichts aber über die Verteilung des Jahres 2014. Und doch erleben alle deutschen Staatsanwälte genau diese Praxis. Jahr für Jahr. Dieses Phänomen und noch so manche anderen sind in »Pebb§y« (gesprochen wie das ›andere‹ koffeinhaltige Brausegetränk) geregelt, dem – ich zitiere – »System der Personalbedarfsberechnung für den richterlichen, staatsanwaltlichen und Rechtspflegerdienst in der ordentlichen Gerichtsbarkeit.«

Die generelle Aussage der kleinen Fabel von Bertrand Russel lautet, dass für den Truthahn die statistische Sicherheit mit jedem guten Tag steigt. Generelle Aussagen zu treffen ist in der Tat kein großes Problem, und man kommt mit ihnen ohne Anstrengung und zugegebenermaßen auch mit einer gewissen Eleganz ans Ziel: Bislang war es so, also wird es grundsätzlich so sein. Herrlich einfach. Einfach herrlich. Wenn das Ganze nicht auch Grenzen hätte.

Denn damit eine solche Folgerung überhaupt aufgehen kann, darf sich die Zukunft nun mal nicht anders entwickeln als die Vergangenheit.

2 Kommentare

  1. Christoph Karsten sagt

    Lieber Lars,

    wieder einmal sehr schön geschrieben. Macht mir noch mehr Lust auf Dein neues Buch und inspiriert mich zu folgendem Kommentar:

    So naiv diese unsere Verhaltensweise auch ist, sie ist in zwei Aspekten (über-)lebensnotwendig:

    1. Wie sollten wir unser Bedürfnis nach Sicherheit stillen, wenn nicht mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung, gefüttert mit Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben?

    2. Da das menschliche Gehirn gar nicht dafür gemacht ist, wirklich komplexe Zusammenhänge zu begreifen, sind wir auf vereinfachende Modelle angewiesen, die wenigstens die für uns relevanten Inhalte vorstellbar und damit begreiflich macht. Dabei steckt der Teufel im Detail „relevant“. Getreu nach dem Motto „Was Du willst, ist noch lange nicht das, was Du brauchst.“ sind wir doch oft genug stolz darauf, überhaupt etwas verstanden zu haben (und vielleicht sogar noch erklären zu können), auch wenn es uns kein Stück weiter bringt. Und statistisch erfassen lässt sich nun einmal nur die Vergangenheit, nicht die Zukunft.

    Langer Schreibe, kurzer Sinn:
    Das von Dir beschriebene ist ein zutiefst menschliches Verhalten. In manchem Kontext fragwürdig, aber immer menschlich.

  2. Dipl.Ing.(FH) Sonja B. Neidhardt sagt

    Lieber Lars, erstmal vielen Dank für diesen wirklich wieder sehr anschaulichen Artikel, der mich wiedermal beim Latte Macchiato schmunzeln lässt. Es ist echt schrill, dass die Kunst des (un)klaren Denkens doch gerade bei (uns) Akademikern so verbreitet ist!

    @Christoph:
    zu 1) wir müssen halt einfach akzeptieren, dass die Zukunft unbekannt – eine Wolke – ist und es daher keine Sicherheit gibt. Umso wichtiger ist es, täglich den Verstand über die Zusammenhänge weiter zu schärfen und so besser und flinker auf das reagieren zu können, was eben passiert.

    zu 2) nur lebenslages Lernen und offen sein für das was kommt, hilft – ungemein.

    Ja, es menschelt, und das lässt mich ja immer wieder so schön schmunzeln. Es geht halt nix über einen XMV – einen xunden Menschenverstand 😉

    Schöne Grüße aus dem sonnigen Fürth in Bayern!
    Sonja

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