Führung, Wirtschaft
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Wrong Turn – Wenn Menschen mit Kaffeemaschinen verwechselt werden!

Pläne sind etwas Wunderbares. Vor allem wenn sie von Politikern oder Managern erdacht werden. Denn da sind ja Profis am Werk: es kann also nichts schief gehen! Für Politiker und Wirtschaft besonders wichtig: Mit einem genauen Plan haben sie die Zukunft im Griff… zumindest wenn der Plan aufgeht. Interessanterweise tut er das meistens nicht. Und das hat einen Grund!Es war eigentlich eine gute Idee: durch Pfand Müll vermeiden. Deshalb hatte das Bundesumweltministerium am 1. Januar 2003 das Flaschenpfand für Einwegflaschen eingeführt. Ziel war es, die Menschen dazu zu bewegen, umweltfreundliche Mehrwegflaschen zu kaufen. Zwar waren nun beide Flaschenarten mit Pfand belastet: auf Mehrwegflaschen entfielen aber nur 15 Cent, auf Einwegflaschen hingegen 25 Cent. Der logische Schluss: die Menschen würden die Finger von den umweltschädlichen Einwegflaschen lassen und lieber Mehrwegflaschen kaufen.

Oben 10 Cent Unterschied einwerfen – unten umweltfreundliches Verhalten rausbekommen – wie bei einer Kaffeemaschine: Oben Knopf drücken, unten Tasse drunterstellen. Kaffee fertig.

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Und hat es funktioniert?

Wrong Turn! Von 60 Prozent Mehrweg-Anteil im Jahr 2003 ging es abwärts bis der Anteil 2008 nur noch bei 31 Prozent lag.

Was war hier passiert? Das Bundesumweltministerium hatte in den Einwegflaschen ein Problem erkannt und entwickelte einen Plan um das Ziel via Pfand zu erreichen. So weit so gut. Doch die Politiker hatten ihren schönen Plan gemacht, ohne das individuelle Verhalten von Menschen in dieser neuen Situation zu berücksichtigen. Denn für diese änderte sich durch die neue Regelung einfach der Charakter von Einwegflaschen: aufgrund des Pfandes, sahen sie sie fast so wie Mehrwegflaschen. Man brauchte beim Kauf von Einwegflaschen also kein schlechtes Gewissen mehr zu haben …

Die Einführung der Praxisgebühr am 1. Januar 2004 war ein ähnliches Desaster. Das Ziel war klar: Mit der Praxisgebühr sollten eigentlich die Arztbesuche abnehmen. Ganz nach dem Motto: Wenn der Arztbesuch etwas kostet, dann gehen die Menschen nicht mehr wegen jedem Wehwehchen zum Arzt. Dadurch werden die Krankenkassen entlastet, was folglich zu weniger Beiträgen für die Versicherten führt. So weit der Plan. Wieder eine einfache Kette von Wenn-dann-Beziehungen. Oben Knopf drücken, unten Tasse drunterstellen. Kaffee fertig.

Und? hat es funktioniert? – Wrong Turn! Natürlich nicht! Nehmen Sie meinen Opa: Der ging früher so gut wie nie zum Arzt. Dann wurde die Praxisgebühr eingeführt. Von nun an erwischte ich ihn immer häufiger, wie er die Arztpraxen allein wegen eines blauen Fleckes stürmte! Denn: Hatte er einmal die 10 Euro bezahlt, musste das ja für den Rest des Quartals ausgenutzt werden – bezahlt ist bezahlt! Und genauso dachten Millionen Kassenpatienten bundesweit. Das Ergebnis: Die Wartezimmer waren überfüllter als vorher und aufgrund des enormen bürokratischen Aufwandes stiegen die Versicherungsbeiträge der Kassenpatienten sogar noch an!

Sind unsere Politiker also zu dämlich zu verstehen, dass Menschen keine Kaffeemaschinen sind? – Vorsicht mit dem Politiker-Bashing … in der Wirtschaft sieht das Ganze nämlich nicht anders aus. Ich hatte zwar von Kybernetik und Systemforschung nicht nur gehört, ich hatte es sogar studiert und wusste genau, was Komplexität ist. Und trotzdem rasselte ich in einen Wrong Turn: Als 2005 die Vollmer & Schefffzyk GmbH begann, stark zu wachsen, dachten wir, wir könnten unsere Mitarbeiter durch leistungsgerechte Entlohnung individuell motivieren. Denn: Gute Leistung soll sich lohnen! Die Einführung eines Bonussystems erschien uns als perfekter Plan. Und der Branchenprimus McKinsey hatte so etwas ja auch. »Damit unsere Firma rund läuft, übernehmen wir einfach die Ideen der Meister.« So dachten wir. Oben Knopf drücken, unten Tasse drunterstellen. Kaffee fertig.

Und hat es funktioniert?

Wrong Turn! Das Bonussystem bewirkte genau das Gegenteil dessen, was wir eigentlich erreichen wollten: Anstatt zu noch besseren Teamplayern, wurden unsere Mitarbeiter zu noch egoistischeren Einzelkämpfern. Anstatt sich mit der Weiterentwicklung unserer Firma zu beschäftigen, richtete sich ihre Aufmerksamkeit im Zweifel auf ihren Bonus. Der bürokratische Aufwand stieg ins Unermessliche und zudem erodierte das Vertrauen im Unternehmen. Denn der Umkehrschluss muss lauten: Die Geschäftsleitung glaubt, dass die Mitarbeiter ohne Anreize freiwillig nicht so viel leisten, wie sie könnten. (Wie unser Unternehmen heute besser funktioniert steht hier »).

Mit Geld scheint es also heute nicht mehr richtig zu klappen, Menschen zu einem zielführenden Verhalten zu bewegen. Weder mit dem Pfand, noch mit der Praxisgebühr, noch mit den Boni. Also, wie denn dann?

Wenn es das Geld nicht ist, was Menschen motiviert, müsste es dann nicht so etwas sein wie Sinn? Oder eine kreative Umgebung? Oder mehr Zufriedenheit? Oder …

Wrong Turn!

Genau diese lineare Logik, dass man oben etwas mehr Sinn oder was auch immer in den Menschen reinstecken muss, um unten Motivation rauszubekommen, ist der Fehler. Wenn Sie fragen, was Führungskräfte oder Politiker tun sollten, um das Verhalten von Menschen zu steuern, dann haben Sie die falsche Frage gestellt!

Menschliches Verhalten ist komplex. Erst recht komplex sind interagierende Gruppen von Menschen, also zum Beispiel Unternehmen oder Gesellschaften. Und komplexe Systeme verhalten sich grundsätzlich nicht linear – folgen also niemals Wenn-dann-Kausalketten. Nie!

Das Verhalten der Menschen kann nicht einfach durch einen Plan geändert werden! Denn jedem Plan liegt ein vereinfachtes Welt- und Menschenbild zugrunde, das nichts mit der Realität zu tun hat. Kausales Denken im Sinne von Ursache-Wirkung-Ursache-Wirkung führt also zwangsläufig zu einem Wrong Turn!

So, und wer das verdaut hat, fragt sich zwangsläufig, was dann eine Führungskraft oder ein Politiker überhaupt noch tun kann. Ich werde das selbst oft gefragt. Meine Antwort: Eine Menge! Vor allem können sie Kontexte bauen, in denen Mitarbeiter freiwillig und selbstorganisiert leisten. Nur ist das bei jedem Unternehmen anders. Das Muster ist jedenfalls: Sie können im Unternehmen arbeiten wie ein Mitarbeiter, Sie können am Unternehmen arbeiten wie eine Führungskraft. Nur eines sollten Sie niemals tun: an Menschen arbeiten. Denn Menschen sind keine Kaffeemaschinen!

2 Kommentare

  1. RalfLippold sagt

    Leider wird die Disziplin „System Dynamics“ oder auch „Systems Thinking“ bislang an keiner deutschen Schule bzw. Universität als Fach angeboten. Dann ließen sich die durchaus komplexen (wenn auch nicht komplizierten) Beziehungsketten durchaus erklären und die passende Policy einrichten, die dann auch das gewünschte Ergebnis bringt.

    Mitte Juli trifft sich die weltweite System Dynamics Community zur jährlichen International System Dynamics Conference an der TU Delft in den Niederlanden. Das wäre eine Gelegenheit direkt vor Ort (auch als Politiker) zu erfahren, was geht und was nicht geht.

    Thema der Konferenz dieses Jahr „Good Governance in a Complex World“, http://conference.systemdynamics.org #ISDC14

    Sieht man sich?

  2. Pingback: Es kommt nicht auf die Größe an - Lars Vollmer

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