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Bestätigungsfehler: Von Zombies lernen

Sie brechen ihren Verstorbenen das Genick und drehen ihre Köpfe um 180 Grad. Dann werden sie beerdigt. Klingt wie aus einem makaberen Horrorfilm, ist aber Realität – jedenfalls für eine Gruppe indigener Völker in Indien, den Adivasi.

Manche der Adivasi-Dorfgemeinschaften tief im Dschungel werden von einer alles durchdringenden Religion, von traditionellen Festen und Tänzen getragen. Und sie glauben daran, dass Tote aus ihren Gräbern emporsteigen und dann das Dorf heimsuchen, um den Lebenden das Leben zur Hölle zu machen. Der verdrehte Kopf soll dafür sorgen, dass die Untoten zwar das Dorf anvisieren, aber dann in die falsche Richtung laufen, sich also immer weiter vom Dorf entfernen. Und der Erfolg gibt ihnen recht: Noch nie hat ein toter Adivasi den Weg ins Dorf gefunden.

Und auch bei uns: ich habe noch nie von einer Zombie-Invasion in Deutschland gehört, obwohl in unseren Breitengraden die Köpfe der Toten an ihrem angestammten Platz bleiben dürfen. Sie etwa?

Bestaetigungsfehler---Von-Zombies-lernen

Die Leiter der Schlussfolgerung

Interessant ist diese Geschichte aber nicht nur wegen ihrer offensichtlichen Absurdität, sondern gerade weil das gleiche Prinzip auch im westlichen Leben angewandt wird: das Denken, dass durch ein Ergebnis die Vorannahme bestätigt werden kann. Eben ein klassischer Bestätigungsfehler.

»Wir tun X, um Y zu erhalten.« Wenn Y dann tatsächlich eintritt, kommt die Schlussfolgerung, dass Maßnahme X also wirksam sein muss. Welch ein Unsinn! Es weiß doch niemand, ob Y ohne X nicht ebenfalls eingetreten wäre. So logisch die kausale Verkettung also klingen mag, sie ist kein Zeichen für einen klaren Geist, sondern einen verbohrten.

Denn es spielt noch ein weiterer Faktor hinzu, der unter dem Begriff ›Leiter der Schlussfolgerung‹ bekannt ist. In unserer komplexen Welt ist eine Vielzahl an Dingen, Phänomenen, Verhaltensweisen, etc. zu beobachten. Aber der Mensch nimmt nur einen klitzekleinen Ausschnitt davon wahr. Diesen bewertet er, trifft anhand seiner Bewertung Annahmen und zieht daraus dann Schlussfolgerungen, die sich in seinen Handlungen widerspiegeln. Außerdem beeinflussen seine Bewertungen und Schlussfolgerungen sein Weltbild.

Wenn Sie nach Bestätigung suchen

Und hier wird die Leiter plötzlich zu einem Kreis. Denn das, was sich der Mensch aus all den möglichen Beobachtungen herauspickt, wird maßgeblich durch seine Überzeugungen und sein Weltbild beeinflusst. Deshalb sehen Frauen, die schwanger werden wollen, nur noch Schwangere auf der Straße. Oder Autofahrer, die sich gerade für einen Tesla interessieren, sehen plötzlich überall Teslas. Oder wenn Unternehmer bzw. Führungskräfte davon ausgehen, dass ihre Angestellten allesamt chaotisch sind, dann sehen sie nur noch unaufgeräumte Schreibtische – selektive Wahrnehmung eben.

Und das bedeutet: Wenn Sie Vorurteile über Ihre Organisation entwickeln, dann suchen Sie unbewusst nur noch nach Bestätigungen dafür. Die werden Sie meist auch irgendwo finden. Und schon haben Sie den Bestätigungsfehler.

Neue Gedanken = neue Ergebnisse?

Nun mag das zunächst nach keinem sonderlich großen Problem klingen. Schließlich sind Sie mit Ihrem Bestätigungsfehler ja schon recht weit gekommen. Die Adivasi wurden noch nie von einem Zombie heimgesucht. Ist doch prima! Warum also nicht so weitermachen?

Sehen Sie es einmal so: Wenn Sie mit den immer gleichen Gedanken an Ihre Probleme oder Aufgaben herangehen, werden Sie immer das gleiche wahrnehmen. Und dann brauchen Sie sich auch nicht wundern, wenn Sie immer die gleichen Ergebnisse erzielen – nämlich die, die zu Ihrer Grundannahme passen, die Sie dadurch bestätigt sehen und die dann erneut Ihre Wahrnehmung lenkt. Das mag schön und gut sein, wenn Ihre Annahme der Realität entspricht, aber woher wollen Sie das wissen?

Wenn ein Chef beispielsweise davon ausgeht, dass er seine Mitarbeiter kontrollieren muss, weil sie nicht selbstständig arbeiten können, behandelt er sie auch so. Dann muss beispielsweise der Einkaufsleiter jede Bestellung, die er tätigt, vom Chef absegnen lassen. Der fragt daraufhin immer öfters beim Chef nach, ob er auch ja alles richtig macht. Und schon sieht der Chef seine Annahme bestätigt und traut ihm noch weniger zu. Welch übler Teufelskreis!

Mal ein anderes Menschenbild

Was würde also passieren, wenn Sie mal mit anderer Grundannahme starten würden? Wenn Sie aus dem Teufelskreis aus Annahmen, selektiver Wahrnehmung und Bestätigung ausbrechen würden? Machen Sie sich doch einmal Ihrer Bestätigungsfehler bewusst, decken Sie sie auf und sehen, was passiert.

Wie das geht? Versuchen Sie – gerne auch gemeinsam mit anderen – zu ergründen, welche Grundannahmen Sie haben und welches Welt- und/oder Menschenbild sich dahinter und hinter Ihren Handlungen verbirgt. Und dann testen Sie ein anderes Weltbild aus und schauen, ob das zu anderen Ergebnissen führt. Kleiner Teaser: Das wird es. Denn andere Annahmen führen zu anderer Wahrnehmung und anderen Bewertungen. Und die wiederum führen zu anderem Verhalten, das andere Ergebnisse nach sich zieht. Ist ganz logisch.
Das heißt nun nicht, dass Sie hier keinen Bestätigungsfehler machen können. Es kann ja sein, dass das neue Ergebnis perfekt zu Ihrer neuen Vorannahme passt, obwohl die neue Annahme vielleicht ebenso blödsinnig ist wie die alte. Aber ein Experiment ist es allemal wert.

In welche Richtung möchten Sie gehen?

Der springende Punkt ist nun folgender: Die self-fulfilling Prophecy können Sie in beide Richtungen verwenden: sodass alles beim Alten bleibt oder um Dinge zu verändern. Wie auch Goethe schon sagte: »Wer die Menschen behandelt, wie sie sind, macht sie schlechter. Wer sie aber behandelt, wie sie sein könnten, macht sie besser.«

Und der Bestätigungsfehler? Dem können Sie auf den Leim gehen und davon ausgehen, dass ein Ergebnis einen einzigen Grund hat – ganz kausal und linear. Oder Sie lassen es einfach bleiben.
Die Entscheidung liegt bei Ihnen.

Welche Bestätigungsfehler haben Sie an sich schon entdeckt?

 


 

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