Lasst alle Hoffnungslosigkeit fahren!

Lars Vollmer

Vielleicht täusche ich mich ja, aber ich habe das Gefühl, die Stimmung kippt gerade. Und zwar kippt sie vom Schlechten zum Guten. Meint ihr nicht auch?

Das ist jetzt wirklich nicht viel mehr als ein Gefühl und vielleicht lasse ich mich ja auch nur von einer hormonell bedingten Frühlingsstimmung übermannen. Ich sehe auch nicht plötzliches alles rosarot, aber manches überrascht mich derzeit schon positiv. – Und das sollte ich hier einfach auch mal schreiben. Dachte ich mir.

Es darf widersprochen werden!

Die sich bessernde Stimmung hat mehrere Facetten: Da ist neben den steigenden Impf- und fallenden Infektionszahlen zum Beispiel auch mein Eindruck, dass in den überregionalen Medien wieder verstärkt Kritik an der Regierung geübt wird. Da wird in einer Art und Weise differenziert und abgewogen, die ich lange vermisst habe. Zum Beispiel hinsichtlich des nicht gerade gelungenen Managements der Impfstoffbewirtschaftung. Oder hinsichtlich mancher Corona-Maßnahmen mit den damit verbundenen Freiheitseinschränkungen, bei denen eben gar nicht so klar und eindeutig ist, ob sie nun nützen oder schaden, ob sie angemessen oder unverhältnismäßig, ob sie vernünftig oder unsinnig sind.

Oder auch ganz abgesehen von Corona hinsichtlich der identitätspolitischen Bestrebungen von Medien und Politik: Kritiker werden nicht mehr so reflexhaft als als irgendeine Sorte Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt. Wenn sogar eine Frau Wagenknecht öffentlich die ›Lifestyle-Linken‹ ins verbale Visier nimmt, dann ist doch vielleicht ein Punkt erreicht, an dem sich was drehen könnte.

Wie auch immer ihr zu solchen vereinzelt aufkeimenden Kritikpunkten im Detail nun stehen mögt: Wenigstens wird wieder debattiert! Nach meinem Eindruck gab es lange Zeit einen unausgesprochenen, inoffiziellen Pakt der Redaktionen, der Kritik an der Regierung verbot – so nach dem Motto: In einer Krise kritisiert man die Führung nicht, das wäre unanständig … Aber wir leben ja gar nicht in einer Monarchie und sollten nicht von sakrosankten Fürstengeschlechtern regiert werden. Debatte ist in einer Republik das gesellschaftliche Lebenselixier. Und darum bin ich froh, wenn wieder debattiert wird und die Politiker dabei wieder auf’s Korn genommen werden, wie es sich gehört.

An der Kante

Und weiter: Ich war in der letzten Zeit auf verschiedenen Flughäfen unterwegs. Und ich stelle fest: Die sind wieder ganz gut mit Menschen gefüllt. Zwar nicht wie 2019, aber als ich 2020 mal ab und zu geflogen bin, war da nur noch Totentanz.

Die steigende Zahl der Reisenden kann ich auch an wieder geöffneten Hotels und steigendem Verkehrsvolumen auf den Straßen ablesen. Ja, das alles ist schon noch schlimm, die wirtschaftliche Substanz in Deutschland und Europa ist massiv zusammengeschrumpft. Ich bin auch nach wie vor davon überzeugt, dass die heftigen strukturellen Verluste in vielen Branchen erst noch so richtig spürbar werden. Nach dem Ende der Aussetzung der Insolvenzanmeldepflicht wird es jetzt möglicherweise schon bald Insolvenzen hageln und viele Arbeitsplätze werden nicht mehr lange von der Kurzarbeit geschützt bleiben können.

Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit könnte im Nachgang der wirtschaftlichen Verwerfungen durch die Corona-Maßnahmen auch eine größere Bank in Schieflage geraten. Und das wiederum könnte einen Dominoeffekt auslösen. Dann würde es fies werden. Die Inflation könnte anspringen, was sie in einigen Branchen ja schon heftig getan hat. Die Kombination von extremen Preisen in der Bauwirtschaft in Verbindung mit Knappheit bei Baustoffen und riesigen Mengen frisch gedruckten Geldes, das Anlagemöglichkeiten sucht, ist eine explosive Mischung und könnte auf andere Branchen ausstrahlen.

Die Lieferketten haben bis heute überraschend gut gehalten, aber das kann sich schnell ändern, weil da Vieles auf Kante genäht ist. Das ist alles ganz schön riskant. Und unmöglich vorauszusehen, weil die Wirtschaft viel zu komplex ist, um von Regierungen gesteuert und von Ökonomen umfänglich verstanden zu werden. Und die wirtschaftlichen Folgen der im Lockdown ausgebliebenen Bildung werden wir ohnehin erst in einigen Jahren spüren.

Das Spiel läuft noch

Schönfärben möchte ich also wirklich nichts. Ich will nur sagen: Es hat sich was verändert, vermutlich sind wir an einem emotionalen Kipppunkt angelangt, wo sich die Stimmung wieder dreht und eine positive Entwicklung möglich wird.

Ich spüre auch eine Wechselstimmung hinsichtlich der politischen Führung. Ein großer Teil der Bevölkerung will einfach etwas anderes, ahne ich. In manchen Umfragen liegen die Grünen vorne, was vielleicht mit der Hoffnung korrespondiert, nach einer endlos langen Ära Merkel endlich wieder einen anderen Wind wehen zu lassen. Hauptsache anders. Dass möglicherweise der politische Kurs der Grünen nun dringend mal deutlich gründlicher auf ihren kollektivistisch-ideologischen Gehalt hin unter die Lupe genommen werden müsste: geschenkt. Das werde ich hier nicht anschneiden. Mir geht es gerade nur um den Stimmungsumschwung.

Und der hinterlässt bei mir ganz eindeutig eine Spur der Hoffnung: Pläne werden geschmiedet, es wird etwas mehr debattiert, kritisiert und differenziert, nach vorne wird gedacht. Manche Männer kaufen sich wieder mal eine Anzughose statt einer Jogginghose, hat mir ein Herrenausstatter neulich erzählt. Ja, ich gebe zu: Ich leide unter einem Anflug von Optimismus.

Unter virologischen Umständen freue ich mich da vielleicht zu früh. Mir ist schon klar, dass im Herbst neue Virusvarianten auf herbstliches Wetter treffen werden, die Impfungen von 2020 möglicherweise 2021 schon nutzlos geworden sind und auch im nächsten Winter die Grippesaison auch wieder COVID-Saison sein wird. Es kann noch ganz schlimm werden.

Aber andererseits wird gleichzeitig auch auf Hochtouren geforscht und entwickelt. In den großen Industrienationen wurden schon immer Probleme mit Technologie gelöst und das passiert gerade jetzt auch wieder. Das ganze ist ein Wettlauf zwischen der virologischen Evolution und dem medizinisch-pharmazeutisch-technischen Fortschritt. Ich habe die Ahnung, dass wir gewinnen können, wenn die Regierungen sich weit genug zurückhalten mit ihren staatlichen Marktverhinderungs- und Fortschrittsbremsaktionen. Der Ausgang ist offen, aber wir sind definitiv nicht chancenlos. Und das fühlt sich gut an.

Ketchup aus der Flasche

Es ist so ein wenig wie neulich, als ich in der solchermaßen fremdgenutzten Spielbank in Hannover einen PCR-Test machte. (Ich verzichte übrigens an dieser Stelle auf den vorhersehbaren Gag, die Begriffe „Spielcasino“ und „Testergebnissen“ in einen satirischen Zusammenhang zu bringen …) Man ging da durch den Seiteneingang rein. Wie in inzwischen die halbe Republik abstandsmarkiert ist, so war auch hier alle 150 cm war eine Linie auf den Boden gemalt, auch davor auf dem Bürgersteig, wo sich eine lange Schlange gebildet hatte. Der Bürgersteig ist dort sehr schmal, die Passanten mussten sich in ordnungswidrigen 30 cm Entfernung an der Schlange vorbeiquetschen, aber egal.

Die Warteschlange war ziemlich lang. Sie schlang sich außen um das ganze Gebäude. Mein erster Gedanke war: sozialistische Brotschlange. Mein zweiter Gedanke: Besuchsandrang an der Sagrada Familia in Barcelona. Da stand ich auch schonmal so an. Ohne Markierungen. Dreieinhalb Stunden …

Und hier in Hannover befand ich mich plötzlich nun auch in einer solchen Zumutung von fleischgewordener Lebenszeitverschwendung. Und stand. Und wartete. Und stand. Und es ging nicht vorwärts. Ich brauchte aber diesen Test. Und dann ging es mal wieder ein paar Schritte vorwärts bis zur nächsten Linie auf dem Boden. Und dann ging es wieder nicht weiter. Meine Ungeduld schwoll bedrohlich an. Oh, Gott, was hatte ich mir da eingehandelt …

Das war so ein bisschen das Äquivalent zu meiner Gefühlslage in der gesamten Coronazeit: Es ist schlimm und eine Lösung ist nicht in Sicht. Völlig unklar, wie das jemals zum Ende kommen soll.

Aber dann – und das war die große Überraschung – ging plötzlich alles ratz-fatz. Vielleicht gab es am Anfang irgendein Problem, durch das sich ein Stau gebildet hatte, der sich sofort auflöste, als das Problem gelöst war. Vielleicht waren am Anfang einige größere Familien dran, bei denen es etwas länger dauerte. Vielleicht war die Wartezeit durch die großen Abstände einfach nur sehr schwer einschätzbar. Wie auch immer. Jedenfalls war ich nach nur 12 Minuten drin, gurgelte 30 Sekunden lang eine Kochsalzlösung, spuckte die aus und fertig.

Genauso könnte es jetzt insgesamt mit der ganzen Coronakrise laufen: Wie bei einer Ketchupflasche – erst geht gar nichts und dann plötzlich schwupp! Nach jeder Krise gab es einen Boom, sagt die Geschichte. Vielleicht hat der gerade schon begonnen.

Meine ganz persönliche Hoffnung ist da insbesondere: Vielleicht ist diese ganze Veränderungsstimmung gar nicht nur auf Corona bezogen. Vielleicht sind wir sogar schon am Umkehrpunkt des riesigen Pendels, das seit Jahrzehnten immer zwischen Kollektivismus und Individualismus hin- und herpendelt. Vielleicht ist mit dem möglicherweise nahenden Ende der Coronakrise auch der Scheitelpunkt des Kollektivismus erreicht, vielleicht wollen die Bürger mehrheitlich nicht noch höhere Steuern und Abgaben, wo sie doch schon jetzt die welthöchsten haben. Vielleicht kommen wir wieder auf die gesunde Seite der Laffer-Kurve zurück, wo nicht nur die Großkonzerne, sondern die ganze Wirtschaft inklusive der vermögensbildenden Bürger wieder Luft zum Atmen bekommt. Vielleicht wollen die Bürger mehrheitlich bald nicht noch mehr Staat, noch mehr Machtkonzentration bei den Parteien, noch mehr bevormundenden Paternalismus, noch mehr Planwirtschaft, noch mehr Umverteilung, noch mehr Indoktrination in den öffentlichen Medien und den öffentlichen Bildungseinrichtungen, noch mehr Vorschriften, Regeln und Verbote. Vielleicht langt’s jetzt mal!

Und vielleicht und hoffentlich ist der Punkt erreicht, an dem sich die gesellschaftlichen Systeme wieder erneuern, indem sie die Bürger mehrheitlich zurückstutzen, die Macht der Politiker über unser Leben wieder mehr einschränken, den Allmachtsfantasien kollektivistischer Ideologen wieder die Luft rauslassen und den ausufernden Staat wieder in seine Schranken verweisen.

Vielleicht ist der Umkehrpunkt erreicht.

Und das Umfragehoch der Grünen, die ja programmatisch eher das Gegenteil verfolgen, nämlich noch deutlich mehr Kollektivismus, ist möglicherweise ein Signal wie das, als Franz Beckenbauer einmal am Tag des größten Erfolgs orakelte, seine Mannschaft sei nun auf Jahre unbesiegbar – und genau das war der Moment, an dem es bergab ging. Oder wie wenn in der Bild-Zeitung die Empfehlung stünde, jetzt Aktien zu kaufen: Dann ist die Hausse mit Sicherheit schon vorbei und ihr müsstet eigentlich dringend eure Depots leeren und eure Aktien verkaufen. Vielleicht ist es jetzt genau so: Das Umfragehoch der Grünen wirkt möglicherweise wie damals das Strohfeuer des Buchhändlers Martin Schulz aus Würselen, der für kurze Zeit die Hoffnung der SPD auf die Kanzlerschaft war, bevor er endgültig in der Versenkung verschwand.

Tunnelende

Ich weiß also genauso wenig wie ihr, wie es wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich weitergeht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich was dreht.

Das ist ernsthaft als hoffnungsvolle Botschaft gemeint. Denn viele, wirklich sehr viele Menschen hatten im letzten Jahr enormen Frust. Die einen hatten sehr große Angst vor dem Virus und wollten über ihre Mitbürger am liebsten noch viel strengere Freiheitseinschränkungen verhängen als die Politiker sich trauten, um so vor der Ansteckungsgefahr geschützt zu werden. Andere waren frustriert, weil ihre Grundrechte plötzlich keine Grundrechte mehr waren, sondern wieder prä-aufklärerische Privilegien, die übergriffige Politiker nach Gutsherrenart verteilen oder streichen konnten. Manche hatten schlimme Coronaerkrankungen in der Familie. Bei manchen ging wegen des Lockdowns das Geschäft pleite oder sie erhielten ein faktisches Berufsverbot. – Auf allen Seiten der Coronakrise gab es starke Frustration. Und daraus resultierten nach meinem Verständnis auch die enormen Zentrifugalkräfte, die unsere Gesellschaft zu zerreißen drohten.

Darum könntet jetzt tatsächlich ihr alle davon profitieren, wenn am Tunnelende ein Licht erscheint. Die einen hoffen auf mehr Freiheit, die nächsten auf neuen wirtschaftlichen Erfolg, die anderen auf weniger Infektionen und weitere darauf, dass die Kinder wieder ausgebildet werden. Die Ängste könnten schwinden. Und diejenigen, die der Coronakrise nachtrauern werden, weil die so gut geeignet war, die Menschen belehren und drangsalieren zu können … keine Sorge: Diese unvermeidlichen Zeitgenossen werden ganz sicher einen neuen Anlass finden, um ihrer Passion nachzugehen.

Ja, ja. Ich weiß. Die eigentlich so wichtigen Debatten um die Abwägung von Risiken und Chancen einer Impfung werden noch immer nicht in ausreichendem Maße geführt. Da gibt es noch immer Tabus und verständlicherweise enorme Wissenslücken: Wir kennen die tatsächlichen langfristigen Auswirkungen von Massenimpfungen mit mRNA-Impfstoffen schlichtweg nicht. Es lauern da noch viele offene Grundfragen, z.B. um Impfzwang, Grundrechte, Zentralismus, Parteiendemokratie und vieles mehr.

Aber manchmal übermannt mich eben die Hoffnung. Nennt mich ruhig naiv.


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  • Eberhard Fiedler
    27. Mai 2021 at 17:45

    Lieber Herr Prof. Vollmer,
    ich lese Ihre „Waschtage“ mit Genuss u.z. seit der 14. Ausgabe. Bin von meinem Bruder darauf hingewiesen worden.
    Freue mich immer darauf …
    Stimme Ihnen.. was das Kippen der Stimmung anbelangt, zu.
    Allerdings für mich zur Zeit nur ein „punktuelles Ereignis oder Gefühl“ . Bin aber bereit, das als Dauergefühl zu erwarten und dann auch freudig zu akzeptieren.

  • Karl-Ludwig Oehler
    27. Mai 2021 at 22:49

    Lieber Herr Vollmer,
    Danke für den neuen Newsletter.
    Nein, ich nenne Sie nicht naiv, wie Sie im letzten Satz uns Leser auffordern. Ich glaube, das ganze Wertesystem und Freiheitsempfinden hat sich bei Ihnen und bei vielen Menschen im letzten Jahr so verändert, dass man sich schon über kleine Lichtblicke freut und dies als Hoffnungsschimmer deklariert.
    Diese Lichtblicke gehen aber keineswegs von der aktuellen Politik aus; zu frisch sind die vielen gemachten Fehler und das Urvertrauen in Regierung und Behörden ist erst mal futsch.
    Vielleicht brauchen wir als Gesellschaft auch diese „Ent-Täuschung“, um wie Sie sagen, den „Umschwung des Pendels“ zu bewirken? Damit meine ich, wieder selbst Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für eine kreative, gesunde und fröhliche Lebensgestaltung, welche die Achtsamkeit für den Mitmenschen einschließt. Diese Übernahme von Verantwortung ist die Grundlage für die Freiheit, welche Sie (und ich) so lieben.
    Ich glaube also, dass ihr verhaltener Optimismus, gewürzt mit ein bisschen Ironie, nicht naiv, sondern ne leise positive Ahnung ist, was da kommen könnte. Sie sind ja Vordenker, das passt also!
    Liebe Grüße,
    Karl-Ludwig Oehler

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