Offener Brief an Uli Hoeneß

Lars Vollmer

Lieber Uli Hoeneß,

jetzt bin ich ja schon Ende 40, aber solange ich denken kann, waren Sie der Boss beim FC Bayern. Und das finde ich höchst erstaunlich. Wo gibt es eine solche Kontinuität heutzutage noch? Gegen Sie sind Kohl und Merkel ja Eintagsfliegen.

Außerdem war Ihre Ära, die, wie man laut vernehmlich munkelt, bald zu Ende geht, eine enorme Erfolgsgeschichte: erfolgreichster Sportverein Deutschlands, Rekordmeister und Titelsammler, mitgliederstärkster Sportverein der Welt, hochprofitables, kerngesundes mittelständisches Unternehmen – das ist unbestritten zu einem großen Teil Ihr Werk. Davor habe ich Hochachtung. Obwohl ich ja so gar kein Bayernfan bin.

Ich bin überhaupt kein ausgesprochener Fan irgendeiner Mannschaft, obwohl ich erklärtermaßen fußballbegeistert bin. Das geht nämlich. Ich sympathisiere temporär mit dem anderen FCB, nämlich dem aus Barcelona. Vielleicht, weil ich da wohne und weil ich meine Augen nicht von Messi lassen kann, wenn er auf dem Platz steht. Und zugegebenermaßen verfolge ich Hannover 96, obwohl die meistens vergleichsweise grauenvoll spielen. Ganz sicher resultiert diese leicht masochistische Zuneigung aus der Tatsache, dass ich von dort stamme. Aber im europäischen Fußball wirklich bewundert habe ich – auch wenn es heute fast schon unpopulär ist, das zu bekunden – Sie!

Ja, Sie, Herr Hoeneß. Und ich hatte lange Zeit keine Ahnung warum. Aber jetzt ist es mir klar geworden.

Was ich an Ihnen frank und frei bewundere, ist Ihre unglaubliche Begabung, sich virtuos immer wieder ins öffentlichen Gespräch zu bringen. Immer die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Immer gegen den Mainstream zu schwimmen. Immer Widerstand zu provozieren. Und das nicht destruktiv, sondern immer zum Nutzen und zur Unterstützung Ihres Vereins! Großartig!
Ihnen ist völlig klar, dass es in dieser medial durchdrungenen Massengesellschaft, in der wir leben, alleine darum geht, Aufmerksamkeit zu bündeln. Es kommt nicht darauf an, ob die Aufmerksamkeit überwiegend positiv oder negativ ist. Es kommt darauf an, dass Sie und damit der Verein, dem Sie dienen, überall, in allen Medien und in allen Gesellschaftsschichten, dauerhaft präsent ist.

Und das machen Sie wie kein Zweiter mit einer perfekten Balance zwischen hart und weich, kalt und warm, hässlich und herzlich. Sie erwärmen das moralische Herz, kümmern sich wie ein Vater um Ihre Spieler, bieten verdienten Bayern-Spielern großzügig Jobs an, um sie in der Bayern-Familie zu halten, stellen sich vor kritisierte Spieler wie ein Familien-Rottweiler vor den Kinderwagen, spendieren dem deutschen Volk Würstchen – und dann poltern und streiten Sie wieder, dass die Fetzen fliegen: Die legendären Scharmützel mit Willi Lemke, mit Borussia Dortmund, mit Christoph Daum, mit dem DFB, mit Journalisten und „Experten“, mit jedem Kritiker des FC Bayern, sogar mit destruktiven Fans. Kein Mittelweg, kein Normal, bemerkenswert!

Den FC Bayern so stark zu machen, wie er heute ist, mit seiner geballten sportlichen, finanziellen und medialen Macht, diese Idee verdankt der Club dem Widerstand! Denn Widerstand macht stark. Das ist ein Prinzip der Kommunikation, das meines Erachtens viele noch nicht verstanden haben.

Den Widerstand, ja fast schon die Feindschaft („Zieht den Bayern die Lederhosen aus!“) der halben Republik verdankt der FC Bayern zum größten Teil Ihnen, Herr Hoeneß! Sie erreichen diesen Widerstand, diesen steifen Gegenwind durch Ihre polarisierende Kommunikation. Durch Provokation. Oder anders gesagt: Durch Ihre rücksichtslose Geradlinigkeit – Sie scheren sich nämlich nicht darum, was die Leute denken oder sagen, Sie sagen, was Sie denken, in dem impulsiven Ton, den Sie eben gerade haben, in dem Moment, in dem Sie es sagen. Sie versuchen erst gar nicht, nett zu sein, sich anzupassen.

Und das ist sehr produktiv. Hier kann ich von Ihnen lernen, denn ich bin oft viel zu nett. Ja, ich versuche tatsächlich von Ihnen zu lernen! Beispielsweise mich von meiner öffentlichen Persona noch deutlicher innerlich zu distanzieren. Denn die Rolle des FC Bayern-Bosses, die Sie so lange so erfolgreich gespielt haben, unterscheidet sich selbstverständlich vom Menschen Uli Hoeneß. Man sagt Ihnen nach, Sie seien herzlich und familiär. Und ich glaube das sehr gern. Wie Sie geweint haben, als Robben und Ribéry ihr letztes Spiel für die Bayern gemacht haben … das war nicht gespielt.

Wie Sie dagegen bei harten Angriffen cool werden. Nicht jeder Ihrer Sätze ist wohlüberlegt. Aber wie Sie dann in diesen harten Modus wechseln und diese immer wieder überraschende Schärfe in die Debatte bringen. Wie Sie polemisch werden. Wie Sie zuspitzen und gezielt Leuten auf die Füße treten. Das ist schon großes Kino, denn es nützt Ihrem Club, es nützt Ihren Spielern.
Ich bin dankbar für Ihr Vorbild in diesem Punkt. Allerdings werde ich deswegen noch lange nicht in die Allianz Arena gehen. Weil es näher dran ist, gehe ich einfach ins Camp Nou, wenn ich guten Fußball sehen will.

Aber ich tue selbst mein Bestes, von Ihnen das konstruktive Provozieren zu lernen. Und natürlich provoziere ich mit diesem Brief an Sie absichtlich. Nein, nicht Sie, denn ich meine meine bewundernden Worte ganz ehrlich und keineswegs ironisch. Nein, ich habe diesen öffentlichen Brief aus reiner Provokation geschrieben. Der eigentliche Adressat sind ja nicht Sie. Denn es ist heutzutage selbstverständlich eine Provokation, etwas öffentlich über Sie zu schreiben, ohne Sie zu kritisieren, ohne mit einem Wort Ihre Fehltritte zu erwähnen. Man wird mir Lobhudelei vorwerfen. Hoffe ich. Aber vielleicht klappt es auch nicht, weil es viel zu durchsichtig ist. Oder eben doch, weil viele diesen Brief gar nicht zu Ende lesen

Manchmal gelingt es mir schon, ein paar Menschen gegen mich aufzubringen. Aber so zuverlässig, so vorhersehbar, so sicher und virtuos, wie Sie das seit 40 Jahren machen, so weit bin ich noch nicht.

Herr Hoeneß, Sie haben die Provokation zur Kunstform erhoben. Und Sie bleiben verschmitzt dabei und grinsen sich eins.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie auch in Zukunft, wenn Sie sich mehr Ruhe gönnen und Ihrer Familie mehr Aufmerksamkeit schenken, dass Sie vielleicht dennoch hier und da einen neuen Willi Lemke finden, eine neue öffentliche Hassliebe, die Sie beharken können. Aber heute sind die meisten Leute ja so aalglatt. Da ist es schwieriger geworden, einen Intimfeind zu finden.
Alles Gute und vielen Dank!

Ihr meistens immer noch viel zu sanfter

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Widerstand ist zweckvoll!


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  • mw
    8. August 2019 at 13:03

    Lieber Lars Vollmer, genau dieser Post hat mich bewogen, in zukunft keine Waschtag von ihnen mehr bekommen zu wollen.

  • Peter Richtsteig
    8. August 2019 at 19:36

    Lieber Lars,
    ich sitze hier schmunzelnd und frage mich, warum ich nicht auf solche Themen komme – also bist du jetzt mein Vorbild 🙂
    Danke für den sehr schönen Brief …

  • Janouch
    11. August 2019 at 14:23

    Lieber Herr Vollmer,
    Danke für dieser offenen Brief. Sehr gut argumentiert – jeder Mensch hat seine guten und schlechten (nicht: weniger guten) Seiten! Znd wenn nicht, wurden sue nur noch nicht entdeckt. Danke.

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