Verlieren Sie die Beherrschung

Lars Vollmer

 
Da ein gewiefter Schreiber einen Absatz niemals mit „In Zeiten von …“ beginnt, fange ich diesen Waschtag auch nicht mit „In Zeiten scheinbar grenzenloser Wahlmöglichkeiten …“ an, aber inhaltlich stimmt es doch: Wir kennen manchmal einfach nicht mehr die richtige Antwort, einfach weil so viele Antworten möglich sind und weil jede Antwort zig Konsequenzen nach sich zieht. Ja, mehr noch, oft kennen wir nicht einmal mehr die richtigen Fragen …

Womit ich übrigens nicht implizieren will, ein gewiefter Schreiber zu sein. Nein, mir geht es darum, dass heutzutage die Fettnäpfchen überall herumstehen, vor allem die mit dem moralischen Fett.

Natürlich möchte ich nichts Falsches tun! Sie wollen das doch auch nicht, oder? Und mal unter uns Pastorentöchtern: Immer das Richtige tun ist ganz schön schwierig geworden.

Beispielsweise kann man in Deutschland nicht einmal bei Rot über die Fußgängerampel laufen, ohne etwas Falsches zu tun! In Barcelona ist das gang und gäbe, was ich sehr zu schätzen gelernt habe, seit ich dort wohne. Denn wenn Sie sich nicht um die Fußgängerampeln scheren, kommen Sie nicht nur schneller über die Straße, sondern dann achten alle viel mehr aufeinander: Die Autos brettern nicht so schnell und unachtsam durch die Häuserschluchten und die Fußgänger wenden nicht nur pro forma den Kopf nach links und rechts und nochmal links, wie man es schon im Kindergarten lernt, sondern sie sehen die herannahenden Autos wirklich und entscheiden vernünftig und verantwortlich selbst, ob sie die Straße jetzt überqueren oder nicht.

Und für die Betagten und die Rollstuhlfahrer und die Kinder, für die die wilde Straßenüberquerung zu gefährlich wäre, existiert die Fußgängerampel ja dennoch weiter. Die Rotphasen für die Autos, die im Gegensatz zu den Fußgängern durchaus gewissenhaft an der roten Ampel halten, lassen ihnen die Gelegenheit, gemütlich und sicher zu queren.
Ja, die semiverbindliche Fußgängerampel ist ein wirklich intelligentes System. Aber verhalten Sie sich mal so intelligent in einer deutschen Großstadt und versuchen Sie trotz Rot auf die Verkehrslücke zu warten und dann über die Straße zu gehen!

Sowas macht man nicht!

Ich habe das neulich in Berlin gemacht. Du lieber Herr Gesangsverein, hatte ich da einen Ärger! Es blieb nicht bei vernichtenden Blicken, sondern ich wurde verbal attackiert und moralisch niedergemacht wie ein Steuerhinterzieher. Oder wie ein Impfgegner. Oder wie ein Organspendeverweigerer … aber dazu später mehr.

»Beherrschen Sie sich doch! Da sind doch Kinder! Seien Sie doch ein Vorbild!«, war noch der sachlichste Vorwurf. Aber was hilft es da, darauf hinzuweisen, dass ich das auch schon mit meinen Kindern gemacht habe, weil ich denen beibringen will, dass sie gucken und auf den Verkehr achten sollen, nicht auf die Ampel. Meine Argumente waren nicht gefragt, denn ich galt in diesem Moment für die Laufkundschaft an der Ampel schlicht als ein sehr schlechter Mensch: So was macht man einfach nicht!

Aber ich bin nicht „man“! Und ich will mich weder beherrschen müssen noch beherrschen lassen! Die sollen mich einfach machen lassen. Ich lasse mir doch als mündiger Mensch nicht von so einer albernen Verkehrsampel vorschreiben, stehenzubleiben, obwohl gar kein Auto kommt!

Ich will auch nicht erklären müssen, warum ich bei Rot gehe statt zu stehen. Dass ich was Illegales tue, weiß ich doch. Und dass ich mit Konsequenzen rechnen muss, ist mir auch klar. Aber das muss ich auf meine Kappe nehmen. Ich will schlichtweg die Freiheit haben, selber nach links und rechts zu schauen und selber zu entscheiden, ob ich stehe oder gehe. Das traue ich mir zu. Und wenn ich zu blöd bin, eine Straße zu überqueren und es dennoch tue, dann will ich gefälligst überfahren werden dürfen!

Ich will die Fußgängerampeln nicht abschaffen. Aber geschätzt 80 Prozent dieser Anlagen sind mit Sicherheit überflüssig, nämlich alle, die nicht an den wirklich großen Kreuzungen stehen, wo ohne sie wirklich niemand drüberkäme. Warum schalten wir die Ampeln nicht einfach alle aus und versehen sie mit einem Schalter, mit dem sie derjenige, der sie braucht, anschalten kann?

Ich will auch nicht, dass sich niemand mehr nach den Fußgängerampeln richten soll. Wer wäre ich, das zu verlangen! Das muss jeder selbst wissen, das ist ja gerade der Punkt. Ich kritisiere niemanden, der vor einer freien Straße stehen bleibt, nur weil er so folgsam ist. Und ich möchte im Gegenzug nicht dafür kritisiert werden, dass ich auf die Überquerungshilfe der Ampel aus freien Stücken verzichte. Es muss doch wohl noch erlaubt sein, etwas Illegales zu tun! Jedenfalls dann, wenn das Illegale Sinn ergibt.

Ja, ich weiß, Regeln müssen für alle gelten. Wo kämen wir denn sonst hin, ja, ja. Und ja, im Ernstfall käme nicht nur ich selbst zu Schaden: Ich renne blind auf die Straße und das Auto weicht aus und fährt in die Menschenmenge rein und lauter Kinder und schwangere Frauen sterben. Und deren goldige Hunde. Aber dieses Szenario setzt eine Welt voller Menschen voraus, die alle nur auf die Ampeln gucken und ansonsten blind durch die Welt tapern und rasen. Eine Welt in der alle auf Ampeln gucken und alle alle Verkehrsregeln befolgen, ist sicherer, sagen die. Nein sage, ich: Eine Welt, in der alle wirklich aufeinander achten, weil sie es müssen, ist sicherer!

Und dabei geht es mir bei diesem Konflikt gar nicht darum, wer jetzt am Ende recht hat, die Regelbefolger oder die Selberdenker, sondern es geht mir um den Zwang, den die Regelbefolger in unseren Breitengraden so gerne auf andere Menschen ausüben wollen.

Denn in Wahrheit wollen die Menschen doch gar nicht an einer Straße warten, obwohl kein Auto kommt. Sie wollen nur nicht, dass einer aus der Herde ausschert und einfach rübergeht. Wenn sie sich schon dem durch die rote Ampel repräsentierten Hirten unterordnen und sich beherrschen lassen, dann sollen gefälligst alle anderen das Gleiche tun! Dann ist auch keiner im Vorteil. Und wenn keiner im Vorteil ist, dann sind sie selbst nicht im Nachteil.

Regeln für alle reduzieren in der Tat schlagartig die Komplexität. Jedenfalls, wenn sich alle daran halten. Macht zwar dumm, spart aber Energie, würde der Neurobiologe vermutlich sagen …

Dieser an den Staat gerichtete Wunsch, alle Menschen mögen doch bitteschön beherrscht werden, ist allgemein verbreitet. Beim Schreiben meines neuen Buches „Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist“, das im Januar 2019 erscheint, habe ich ein schönes, aktuelles und ziemlich krasses Beispiel dafür gefunden: den Organspendezwang. Und weil das hier erstens so gut passt und ich zweitens die Nutzungsrechte an meinem eigenen Manuskript besitze, was übrigens nicht selbstverständlich ist, gewähre ich Ihnen zwei Abschnitte lang einen kleinen Vorab-Schlüssellochblick auf mein Buch. Und wenn Sie hier von merkwürdigen Begriffen aus diesem Buch wie Hirtensystem, Zäunreflex, Messiblick oder Fünferkettenblick verwirrt werden: Macht nichts! Sie verstehen trotzdem ungefähr, wie ich es meine …

Mein Körper gehört meinem Staat!

Im August 2018 reagierte Gesundheitsminister Spahn auf die anhaltende Kritik aus dem Gesundheitswesen, dass permanent zu wenige Spenderorgane für Transplantationen zur Verfügung stehen, indem er sich für die Pflicht zur Organspende für alle aussprach. Bis dato war es in Deutschland so geregelt, dass Organe nach dem Hirntod nur entnommen werden konnten, wenn der Verblichene einen Organspendeausweis bei sich trug und in diesem ausdrücklich der Organspende zugestimmt hatte.

Darin materialisierte sich die Selbstverantwortung für und die Selbstbestimmung des Individuums über den eigenen Körper. Einfach gesprochen: Das oberste individuelle Freiheitsrecht, nämlich das Recht auf Leben, zieht den logischen Schluss nach sich, dass Ihr Körper nur Ihnen gehört, niemand sonst außer Ihnen darüber verfügen darf. Niemand darf Ihren Körper vorsätzlich beschädigen, verletzen, verstümmeln, zerstören. Nur Sie selbst dürfen das. Das ist auch der Grund für den Papierkram vor jeder Operation im Krankenhaus, denn der Arzt darf ohne Ihre Einwilligung keinen Eingriff vornehmen, ja er darf Sie streng genommen nicht einmal piksen.

Dieses Recht am eigenen Körper gilt auch über den Tod hinaus. Darum können Sie verfügen, was mit Ihrem Leichnam nach Feststellung Ihres Hirntods geschehen soll und diese Verfügung ist bindend. Selbstverständlich gilt das auch für einzelne Bestandteile Ihres Körpers. Dementsprechend wurde auch Ihre ausdrückliche, freiwillige Genehmigung zur Organentnahme bislang vorausgesetzt.

Eine Organspende ist ein altruistischer Akt, ein Ausdruck von gesellschaftlicher Solidarität: Sie helfen jemandem, der in Lebensgefahr ist, indem Sie Ihre Organe zur Verfügung stellen, obwohl Sie den Empfänger gar nicht kennen und keinerlei eigenen Vorteil davon haben. Es ist dennoch ein Deal auf Gegenseitigkeit, wenn auch indirekt, denn Sie erhoffen sich natürlich, dass Sie selbst, sollten Sie einmal auf eine Organspende angewiesen sein, auch dankbar davon profitieren werden, dass ein Verstorbener, der das Organ in sich trug, das Sie zum Überleben benötigen, in seinem Organspendeausweis das Ja angekreuzt hat.

Was soll Jens Spahn, der derzeitiger Oberhirte der Deutschen im Gesundheitswesen, nun tun, wenn in seinem Herrschaftsgebiet die Statistik klar ausweist, dass es zu wenige Spenderorgane gibt, sodass immer wieder Leute, die auf der Warteliste stehen, sterben, bevor ein Organ verfügbar ist?

Laut einer Ipsos-Umfrage stehen 52 Prozent der Deutschen der Organspende positiv gegenüber und wären bereit, Organe zu spenden, haben aber keinen Organspendeausweis. 16 Prozent haben der Organspende zugestimmt. 17 Prozent lehnen die Organspende tendenziell oder entschieden ab.

Das ethische Dilemma zwischen kollektivistischer und individualistischer Weltanschauung wird hier besonders anschaulich. Wenn Statistiken sagen, dass permanent rund 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan warten, weil es zu wenige gibt, dann ist das ein Missstand, den ein Gemeinwesen zweifellos angehen muss. Keine Frage. Die Frage ist nur, wie?

Der Zäunreflex des Hirtensystems sagt: Organspende vorschreiben, die Sache allgemeinverbindlich regeln, Zwang ausüben! Der Staat verfügt einfach, dass jedem Bürger nach Feststellung des Hirntods Organe nach Bedarf entnommen werden können. Damit ist die Sache ein für allemal geregelt, der Missstand aus der Welt geschafft. Wenn der Bürger zu doof ist, diesen Ausweis auszufüllen, dann muss ihm der Gesundheitsminister eben per gutem altem brachialem Paternalismus vorschreiben, was ethisch richtig ist. Und genau das hat er nun vor.

Mit dem kollektivistischen Fünferkettenblick betrachtet eine saubere Sache. Und Sie dürfen ja Widerspruch einlegen, wenn Sie ein aus Sicht der Befürworter unsolidarischer Egozentriker sein wollen und anderen Menschen Ihr Organ nicht gönnen!

Angenommen, wir bekommen ein solches Gesetz, das uns zwingt, in dieser Hinsicht ethisch das Richtige zu tun: Denken Sie einmal weiter. Es fehlt dann bloß noch ein kleiner Schritt und die ersten Kollektivisten verlangen zusätzlich, dass die in ihren Augen Faulen, Feigen, Dummen oder Asozialen, die einen Widerspruch gegen die Organspende eingelegt haben, zentral registriert werden und im Falle des Falles selbst kein Spenderorgan empfangen dürfen. Wäre doch nur gerecht, oder?

Die schwerste Bürde

Journalisten und Politiker fragen sich bereits jetzt öffentlich, was denn überhaupt ein plausibler Grund sein könnte, der Organentnahme zu widersprechen, außer einer dumpfen, kindlichen Angst. Sehr private, religiöse, spirituelle Gründe oder auch das Misstrauen in das Urteil von Ärzten, die vielleicht vorschnell oder korrupt den Hirntod attestieren, obwohl der Patient noch lebt oder wiederbelebt werden könnte – solche zum Teil auch sicherlich irrationalen Gründe werden so einfach weggewischt.

2011 wurden noch 14,7 Organspenden pro eine Million Einwohner realisiert. 2018 waren es unter zehn. Fakt ist auch, dass 2012 nach einem Skandal an mehreren Universitätskliniken, wo sich Ärzte mittels manipulierter Patientendaten persönlich bereichert haben, das Vertrauen in die Organspende gesunken ist. Können Sie sich so sicher sein, dass Ihre Niere tatsächlich ein Leben rettet?

Laut einer Studie des Deutschen Ärzteblattes liegt die sinkende Zahl der Organspenden aber gar nicht an der zu geringen Zahl potenzieller Spender, sondern an der mangelhaften Arbeit in den Krankenhäusern, die die Spender zu selten als solche erkennen. Was wäre, wenn diese Studie ins Schwarze träfe und die Maßnahme, die Zahl der Spender per Zwang zu erhöhen, überhaupt kein zielführender Ansatz wäre, sondern es vielmehr darum ginge, ganz bestimmte Mängel im staatlichen Gesundheitswesen zu beseitigen? Dann würde ja die Freiheit der Bürger ganz umsonst eingeschränkt …

Sie sehen, das Ganze ist nicht so einfach. Aber da die kollektivistisch denkenden Befürworter des Zwangs für sich selbst keinen stichhaltigen Grund erkennen, warum jemand die Organspende ablehnen könnte, gehen sie davon aus, dass andere ebenso keinen stichhaltigen Grund haben können. Nur: Ist es überhaupt richtig, dass sich diejenigen, die widersprechen, rechtfertigen müssen?

Und natürlich führen etliche Diskutanten wieder die Würde des Menschen an, die unantastbar sei. Ja, natürlich. Aber meinen sie damit die Würde der Menschen, die sterben müssen, weil sie kein Spenderorgan erhalten? Oder meinen sie die Würde der Menschen, die sich rechtfertigen müssen, wenn sie nicht wollen, dass ihr Körper als staatlich verwaltetes Ersatzteillager der Gesellschaft verwendet wird? Die Würde des Menschen wird plötzlich zum Flutschbegriff, er flutscht Ihnen aus den Fingern wie ein nasses Stück Seife, sobald Sie danach greifen, wenn er sich grundsätzlich immer in jeder ethischen Debatte für jede beliebige Meinung anführen lässt.

Der Angelpunkt der Debatte scheint mir: Betrachten Sie sie mit dem Fünferkettenblick oder betrachten Sie sie mit dem Messiblick? Sollte ein solcher Gesetzesvorschlag das Parlament passieren, und das halte ich nicht für ausgeschlossen, dann bedeutet das mit dem Messiblick betrachtet, dass Ihr Körper nicht mehr Ihnen gehört, sondern dem Staat. Er verfügt darüber, was mit Ihren Organen zu geschehen hat. Sie dürfen zwar noch Widerspruch einlegen, aber dann dürfen Sie einem gewissen bürokratischen Aufwand und einem gewissen moralischen Widerstand entgegensehen, wie das Impfgegner heute auch schon kennen. Und wenn Sie aus welchen Gründen auch immer keinen Widerspruch einlegen, dann wird mit Ihren Organen gemacht, was der Staat, also die „Gesellschaft“ für richtig hält.

Aus Solidarität wird Zwang. Denn Solidarität ist das dann nicht mehr. Solidarität ist nämlich ein prinzipiell freiwilliger Akt des Beitrags zum Zusammenhalt in einer Gruppe. Sie können aus purer Logik niemanden zur Solidarität zwingen. Das wäre ein Widerspruch in sich. So etwa wie wenn Sie jemand aufforderte, spontan selbstinitiativ zu sein. Jetzt! Sofort! Machen Sie schon!

Aus der solidarischen Organspende wird also die Zwangsorganspende. Der Staat greift in das vornehmste Grundrecht seiner Bürger ein. Und die meisten finden das gut. Die Herde applaudiert, die Hirten tun, was ihr Job ist: Sowohl die CDU als auch die SPD, somit die beiden Parteien, die im Bundestag derzeit noch über die Mehrheit verfügen und die Regierung bilden, stimmten der Initiative bereits öffentlich zu. Wir werden sehen, wie der Bundestag entscheidet, wenn es zur Abstimmung kommt.

Mir geht es hier nicht darum, für oder gegen Organspende zu argumentieren. Das Thema ist in so vielen Dimensionen verwickelt, dass eine offensichtliche Lösung nicht auf der Hand liegt. Es sind höchst moralische, ethische, medizinische, juristische, politische, psychologische und auch religiöse Faktoren, die unsere jeweilige Bereitschaft zur Organspende beeinflussen. Sie und ich dürfen und sollten in dieser interessanten und schwierigen ethisch-politischen Frage meiner Ansicht nach letztlich für sich selbst entscheiden. Ich habe mich übrigens persönlich für die Organspende entschieden und habe einen Spendeausweis. Und wenn Sie keinen haben, respektiere ich das.

Mir geht es um etwas anderes: Was ist das eigentliche Motiv der Befürworter der Zwangsorganspende, also der Kollektivisten, der Fünferkettenbeobachter, der Herdentiere?

Mein Antwortvorschlag ist: Diese Zwangsbefürworter wollen, dass alle das Richtige tun. Und keiner das Falsche. In diesem Fall vereinfachen sie die komplexe Lage und verdichten sie auf ein Entweder-oder, auf ein Richtig-oder-Falsch. Leben retten ist richtig. Leben nicht retten ist falsch. Und das gilt für alle. So schlicht sehen sie es.

Die Kollektivisten können das meinethalben ja gerne so simplifiziert anschauen. Nun genügt es ihnen aber nicht, selbst das Richtige zu tun, also selbst proaktiv der Organspende zuzustimmen, nein, sie wollen lieber von den Hirten zum richtigen Verhalten gezwungen werden, eben weil dann alle anderen auch dazu gezwungen werden. Was sie nämlich nicht wollen: selbst etwas tun, während die meisten anderen es nicht tun!

Kollektivisten wollen sich nicht individuell in die als richtig erachtete Richtung begeben, sondern sie wollen sich als Gesamtheit, als Gruppe, als Gemeinschaft, als Gesellschaft in die richtige Richtung bewegen. So brauchen sie sich niemals zu exponieren, sie brauchen sich nicht zu entscheiden, sie brauchen keine Widerstände oder Widersprüche auszuhalten, sie können einfach mitschwimmen.

Ich glaube übrigens gar nicht, dass dies ein bewusstes, gewolltes Motiv ist, sondern eher eine nicht hinterfragte Selbstverständlichkeit – bewusst würden Kollektivisten erfahrungsgemäß eher das Prinzip der Gleichheit ins Feld führen, das sie „Gerechtigkeit“ nennen.

Gleichheit fühlt sich für sie auch deswegen moralisch richtig an, weil eine Welt, in der sie sich aus guten Gründen für etwas entscheiden, während andere sich aus guten Gründen für etwas anderes entscheiden, in ihnen Stress auslöst: Denn in ihrer Welt gibt es nur richtig oder falsch. Entweder sie haben selbst Unrecht, dann ärgern sie sich darüber, durch die anderen, die richtig liegen, bloßgestellt zu werden. Oder sie haben selbst Recht, dann müssen die anderen, die falsch liegen, auf den richtigen Weg gezwungen werden. Ein Leben-und-leben-Lassen ist keine Option. Aus dieser Entweder-oder-Perspektive ist der Zwang von oben die schlüssigste Methode, diesem Stress aus dem Weg zu gehen.

Oder anders gesagt: Einen Hirten zu beauftragen, Zwang auszuüben und individuelle Freiheit einzuschränken, enthebt die Herde der Verantwortung, selbst eine Wahl zu treffen und für die Folgen dieser Wahl die Konsequenzen zu tragen.

Verantwortung ist für ein Herdentier die schwerste Bürde.

Lieber Jens Spahn

Sollten Sie sich jetzt ertappt fühlen, dass in Ihnen auch dieses kleingeistige, biestige Paternalismustier schlummert, das peinlich genau darauf achtet, dass andere sich keine Freiheiten erlauben, vor denen Sie selbst zurückschrecken würden … dann geht es uns beiden genau gleich. Dieser merkwürdige Wunsch, Herrscher damit zu beauftragen, unsere Mitmenschen zu beherrschen, zum Preis, dabei selbst beherrscht zu werden, steckt vermutlich in uns allen.

Es ist entsetzlich, aber gleichzeitig völlig normal. Typisch Mensch eben. Sie können ja machen, was Sie wollen, aber ich für meinen Teil hoffe, mich da künftig häufiger beherrschen zu können. Also ich. Mich selbst.

Und für den Moment will ich einmal genau das Gegenteil machen. Ich werde darum unserem herrschenden Gesundheitsminister Jens Spahn einen Brief schreiben, um ihm meinen Beherrschungsauftrag in Sachen Organspende ausdrücklich vorzuenthalten!

Nun möchten Sie möglicherweise gleich weiter lesen, aber der offene Brief an Herrn Spahn ist halt noch nicht fertig. Ich darf Sie deshalb noch ein wenig um Geduld bitten, damit ich ihn zu Ende schreiben kann. Herr Spahn bemüht sich ja im Moment geradezu aufopferungsvoll um die Gunst seiner Parteifreunde, um die Nachfolge von Angela Merkel als Parteivorsitzende antreten zu dürfen und da möchte ich meine Worte schon sehr sorgfältig wählen. Bis zum 13. Dezember 2018, also dem Donnerstag nach dem Bundesparteitag der CDU, werde ich ganz sicherlich soweit sein, dann erscheint der zweite Teil von Vollmers Waschtag. Wenn Sie über das Erscheinen informiert werden möchten, so melden Sie sich bitte mit Ihrer E-Mail Adresse zu Vollmers Waschtag hier unten an – Sie erhalten dann bei jeder Ausgabe einen kurzen Hinweis, erstmals am 13. Dezember.

MIR IST GRAD‘ SO
Eine Anstiftung, Wirtschaft und Gesellschaft vorwärts zu denken.
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Vollmers Waschtag
DAS ETWAS ANDERE PERIODIKUM
Lars Vollmer wäscht Schmutzwäsche in der Öffentlichkeit – also nicht seine eigene, sondern eher die der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. In seiner Publikationsreihe »Vollmers Waschtag« nimmt er seine Leser mit auf eine längere gedankliche Reise. Die Essays erscheinen online auf der Website des Autors und im handlichen Pocket-Format alle zwei Monate zum Lesen, Verschenken und Sammeln.
24-36 Seiten | intrinsify verlag
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  • ilseluise ~ clownerie & theologie
    15. November 2018 at 16:39

    Vielleicht beschäftigen sich noch mit dem „Hirntod-Konzept“.
    Schon bei der Diagnose desselben werden oft gravierende Fehler gemacht.
    (die diagnostizierenden sollten z.B. rein gar nichts mit der Transplantation zu tun haben, aus verschiedenen Häusern stammen etc.)
    Diese Todesart betrifft auch nur sehr wenige Menschen, die aller-, allermeisten sterben an multiplem Organversagen, Herz-Kreislauf-Tod.
    Hirntod ist recht selten (gelegentlich nach Unfällen, vor allem bei Motorradfahrer*innen) oder auch bei Hirntumoren.
    Oft funktionieren dann aber noch vielfältige andere Systeme im Körper mit vielen beteiligten Nerven.
    Beim Tod auf dem OP-Tisch sind die Angehörigen von der Sterbebegleitung ausgeschlossen – Patient*in/Hirntote*r stirbt allein.

  • Marco Jacob
    17. November 2018 at 14:03

    Manch politisch interessierte Leser könnte nun der Ansicht sein, dass einige Politiker doch objektiv Hirntod sind und hoffen, das diese einen Organspendeausweis haben. Da so etwas aber in unserer Gesellschaft als Aufruf zur vorzeitigen Entnahme interpretiert werden könnte und nicht als ironischen Gedankenspiel, wird so etwas freilich niemand öffentlich äußern.

  • Andre Kuhn
    19. November 2018 at 12:41

    Lieber Herr Vollmer, als ähnlich gesinnter Mensch und Unternehmer sowie langjähriger Kunde Ihrer Beratung „Vollmer&Scheffzyk“ muss ich bei diesem Artikel doch einmal provokant fragen: „geht´s noch“?
    Wenn sich andere über ein nicht-regelkonformes Verhalten aufregen, so kann man doch nur mit den Toten Hosen antworten: „Lass die Leute reden…“. Sie regen sich (selbst) auf – nicht mich. Die Menschen können nichts dagegen tun, dass Sie über die rote Ampel gehen, Sie (also Herr Vollmer) wird hier nicht „gezwungen“, sich an die Regeln zu halten. Lächeln Sie diese Menschen doch einfach an und tun Sie, was Sie wollen!
    Organspende: warum so kompliziert? Liebe Güte, man kann alles philosophisch auf die Spitze treiben. Es geht bei einem System, welches unzweifelhaft der Gemeinschaft sehr nutzt (die Organspende) von der Umstellung von einem „opt-in“ auf ein „opt-out“. In Ländern, die ein „opt-out“ praktizieren liegt der Anteil der Organspender bei ca 80% (z.B. Niederlande). Die meisten Menschen sind zu faul, um sich explizit darum zu kümmern, das sollte nicht zum Schaden der Gesellschaft sein. So sehr ich gegen jede Bevormundung des Staats bin (und Ihnen hier zustimme) – an diesem Punkt wird etwas pragmatisch sehr Gutes zum Wohle der Gesellschaft geplant.
    Diese Worte als meine Ansicht. Voll Zustimmung zu Ihrer grundsätzlichen Einstellung, ich finde nur, die Beispiele passen überhaupt nicht….

    • Lars Vollmer
      20. November 2018 at 08:20

      Lieber Herr Kuhn,

      danke für die Provokation und Ihre Einschätzung. Und sie haben ja recht. Gerade mit dem „Fünferkettenblick“ betrachtet ist das „opt-out“-Verfahren ja eine runde Sache, pragmatisch und zum Wohle der Gesellschaft. Und gerade mit dem „Messiblick“ betrachtet, bedeutet es, dass Ihr Körper nicht mehr Ihnen gehört.

      Mir geht es im Kern ja gar nicht um Organspende, sondern um die Differenzierung zweier Blickwinkel. Daraus, dass aus Solidarität quasi im Handstreich Zwang wird, wenn wir die Sache nur aus einer der beiden Perspektiven betrachten. Und das die Bevölkerung diesen Eingriff in das vornehmste Grundrecht auch noch mit Applaus versieht.

      Es ist das Muster, dass sich über viele vermeintliche Kleinigkeiten hinwegzieht. Es ist nicht die Organspende im Einzelnen, sondern das „Regiertwerdenwollen“ im Ganzen, was mir Sorge bereitet. Ganz offensichtlich wollen wir mehr Gesetze, mehr Verordnungen, mehr Verkehrsregeln, mehr Vorschriften im Büro, wir fordern Studienpläne und Zielvorgaben ein, wir wollen genau geregelt haben, welche Inhaltsstoffe ins Essen kommen, wir wollen verboten bekommen, an bestimmten Tagen oder nach bestimmten Uhrzeiten bestimmte Sachen verkauft zu bekommen, wir wollen gesetzliche Vorgaben für Miethöhen oder Lohnuntergrenzen, wir betteln dar- um, dass uns jemand vorschreibt, die richtige Anzahl überdachter Fahrradstellplätze an jedem Gebäude zur Verfügung zu stellen, wir wollen sichergestellt haben, dass die Banane mindestens 14 Zentimeter lang und 27 Millimeter dick ist, wir brauchen die Gewissheit, dass die Länge von Kondomen standardisiert ist, wir fühlen uns besser, wenn der Betrieb von Seilbahnen für den Personenverkehr auch im flunderflachen Niedersachsen per Verordnung geregelt ist, bevor vielleicht eines Tages der 141 Meter hohe Steinberg bei Hildesheim mit einer Gondel erschlossen werden sollte, wir freuen uns über eine EU-Richtlinie, die uns vorschreibt, wie Klappleitern aufzustellen sind, würde niemand uns die Glühbirne verbieten, wären wir zum Gebrauch umweltfreundlicher Leuchtmittel nicht in der Lage und wir lassen eben unsere Politiker demnächst vielleicht mehrheitlich für ein Gesetz stimmen, nach der uns die Organe nach dem Tod zu entnehmen sind, sofern wir nicht den ausdrücklichen schriftlichen Widerspruch bei uns tragen.

      Ich für meinen Teil kann das nicht mit einem „Ist doch gar nicht so schlimm“ abtun, sondern möchte ein Versuch wagen, die Motive und Muster zu dekonstruieren.

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