Offener Brief an die Deutsche Bahn

Lars Vollmer

Im ersten Teil des achten Waschtags bin ich der Frage nachgegangen, ob die prinzipiell unentscheidbaren Fragen unserer Gesellschaft auch tatsächlich entschieden werden sollten. Denn die Hoffnung auf Einigung durch große gesellschaftliche Entscheidungen erfüllt sich nicht mehr. 

Ich hatte Ihnen angekündigt, dass ich dazu mal die Deutsche Bahn befragen werde. Dort ist nämlich neulich eine Entscheidung getroffen worden, die die Bevölkerung heftig gespalten hat, zumindest war das in den Medien so. Nun habe ich der Deutschen Bahn einen öffentlichen Brief geschrieben:

 

Lieber Deutsche Bahn,

ja, ich bin nur einer Ihrer Kunden und habe darum überhaupt nichts zu melden. Und nein, hier geht es keineswegs um eine Trainingseinheit in dem beliebten Volkssport Bahn-Bashing. Das wäre ja auch allzu billig. Nein, ich habe vielmehr eine ganz konkrete Frage, weil es mich tatsächlich interessiert. Alleine schon aus beruflichem Interesse.

Die Frage ist: Warum haben Sie das überhaupt entschieden?

Die Frage bezieht sich auf die Ursache des Shitstorms, der über Sie vor Kurzem hereingebrochen ist, nachdem der Herr Palmer aus Tübingen mit einem Facebook-Post eine Lawine losgetreten hatte.
Sie erinnern sich natürlich. Ich will keinen kalten Kaffee aufwärmen und Sie sind auch gar nicht schuld an irgendwas. Nein, es war nur ein sehr lehrreicher, interessanter Vorgang vor aller Augen und da möchte ich einfach Genaueres wissen.

Es geht um diese Werbebotschaft mit den vier Fotomotiven. Auf dieser Collage waren vier Personen abgebildet, die man kennen kann, aber nicht muss, und die aussehen wie Menschen, die irgendwo aus der weiten Welt herkommen, eben aussehen.

Ich vermute ja, dass der Herr Palmer den Fernsehkoch, den früheren Formel-1-Rennfahrer oder die Fernsehschauspielerin überhaupt nicht erkannt hat. Er hat nur vier x-beliebige Modelgesichter gesehen, ausgewählt aus einer Kartei einer Modelagentur, so wie man das in der Werbung heute eben meist macht. Und er hat sich gefragt: Warum hat die Bahn ausgerechnet diese fremdländisch aussehenden Models ausgesucht und keine anderen?

Und er kam zu dem Schluss: Die Bahn hat da absichtlich Models ausgewählt, die Vielfalt symbolisieren, die also von anderen Kontinenten stammen. Jedenfalls vermute ich, dass er so dachte.

Aber ganz ungeachtet dessen, was er so dachte, er brachte jedenfalls eine riesige Diskussion ins Rollen, vor allem in den Social Media, also insbesondere auf Facebook und Twitter.
Offensichtlich kitzelten Sie oder er oder Sie beide gemeinsam an einem entzündeten Nerv in unserer Gesellschaft. Das Getöse, das dann losbrach, war jedenfalls nicht mehr aufzuhalten.
So ist das eben heute.

Und weil das heute eben so ist, müssen sich Institutionen wie Sie eben Gedanken darüber machen, wie und warum sie welche Leute wo abbilden. Sie haben sich zu diesen vier Motiven entschieden. Und da man laut dem berühmten Kommunikationswissenschaftler und Philosophen Paul Watzlawick nicht nicht kommunizieren kann, haben Sie damit ein Statement abgegeben. Und wer mit einem Statement Position bezieht, dem wird widersprochen.

Das wäre auch so gewesen, wenn Sie vier blonde, blauäugige Germanen abgebildet hätten oder wenn Sie vier glückliche traditionelle Familien mit Papi, Mami und vier Kindern abgebildet hätten. Der Shitstorm hätte einen anderen Tenor gehabt („Reichsbahn!“), aber er wäre ganz sicher ebenfalls ausgebrochen.

Denn jede andere Darstellung von Menschen in der Bahn hätte irgendeine Gruppe aufs Tapet gebracht, die die Zusammenstellung als diskriminierend empfunden hätte. Wenn es nur alte Menschen gewesen wären: Auch Kinder fahren mit der Bahn! Wenn es nur Kinder und Jugendliche gewesen wären: Auch alte Menschen fahren mit der Bahn! Wenn es nur ein weiblicher Kegelclub gewesen wäre: Auch Männer fahren mit der Bahn! – Und Recht haben sie!

Sie hätten es also mit der Auswahl Ihrer Fotomotive identitätspolitisch ohnehin nicht jedem recht machen können.

Aber Sie haben ja ganz bewusst gewählt. Nicht wenige Wirtschaftsunternehmen machen das ja aus Kalkül: Sie polarisieren absichtlich, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie vielleicht auch?
Aber ja, selbstverständlich können Sie das einfach tun, wenn Sie es nicht lassen wollen. Sie sind, ganz unabhängig von Ihrer Eigentümerschaft, ein Wirtschaftsunternehmen. Sie dürfen Werbung treiben, wie Sie wollen.

Was aber hier interessant ist: Es ist ein schönes Beispiel für die Vermischung zweier Subsysteme unserer Gesellschaft: Wirtschaft und Moral. Und das Subsystem Moral hat die Eigenschaft, sich überall einzumischen: Das Subsystem Wirtschaft kann nämlich gar nicht anders, als die Moral ständig zu beobachten und in ihre Entscheidungen einzubeziehen.

Bei der Entscheidung für oder gegen ein Werbemotiv müssen Sie zwangsläufig den Zeitgeist beobachten, um abzuschätzen, wie sich Ihre Entscheidung auswirken wird. Die Referenz ist immer der Zeitgeist! Im 19. Jahrhundert hätten Sie andere Personen ausgewählt als in den Zwanzigerjahren, und in den Dreißigerjahren wieder andere Personen als heute. Denn die Personen symbolisieren den Zeitgeist. Sie haben nur die Wahl: Widersprechen Sie in irgendeiner Form dem Zeitgeist und entscheiden sich entgegen dem Mainstream? Oder unterwerfen Sie sich dem Zeitgeist und entscheiden sich entlang des Mainstreams? Sie haben sich in einer polarisierten und ziemlich aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung im Jahr 2019 dafür entschieden, mit dem Mainstream zu schwimmen – wohlwissend, dass Sie damit alle, die eine andere Einstellung haben, vor den Kopf stoßen. Wohlwissend, dass Sie damit einen Teil Ihrer Kundschaft bauchpinseln und einem anderen Teil Ihrer Kundschaft vors Schienbein treten. Das ist völlig legitim.

Aber warum lassen Sie sich überhaupt auf diese gesellschaftspolitische Kontroverse ein?
Warum haben Sie sich überhaupt für dieses eine Werbemotiv mit den vier ausgewählten Fotos entschieden? Wer hat denn bei Ihnen entschieden, dass das entschieden werden muss?
Warum haben Sie sich dafür entschieden, sich für dieses eine Set aus vier Fotos zu entscheiden? Warum nicht 10 oder 20 Motive und damit die Chance, so viele verschiedene Personen abzubilden, dass niemand Ihnen vorwerfen kann, einseitig Partei in einer gesellschaftspolitischen Kontroverse zu ergreifen?

Also: Woher kommt dieser Glaube, dass Sie sich bei einer Werbekampagne für ein einziges Motiv entscheiden müssten? Sie können doch heute in den elektronischen Medien und im Internet alle paar Minuten das Motiv wechseln. Und Sie können in unterschiedlichen Printmedien unterschiedliche Motive verwenden. Sie müssen doch gar nicht entscheiden. Und damit Ihre Kundschaft spalten!

Sie als deutschestes aller deutschen Unternehmen könnten doch Deutschland vereinen, indem Sie gerade NICHT entscheiden, anstatt Deutschland weiter zu spalten, indem Sie entscheiden.
Also, das ist jetzt eine ernsthafte Frage, die dürfen Sie gerne beantworten: Wie kommen Sie dazu zu entscheiden, dass es bei einer solchen Kampagne eine solche Entscheidung braucht? Woher kommt die Grundüberzeugung, dass nur ein guter Manager ist, wer eine eindeutige Entscheidung trifft? Denn irgendein guter Manager oder eine gute Managerin hat das ja wohl auch in diesem Fall letztlich entschieden.

Und wenn Sie schon so auf Vielfalt stehen, wie Sie mit Ihrer Entscheidung kundgetan haben, warum dann keine Vielfalt bei den Motiven?

Mein bescheidener Vorschlag für Sie ist: Entscheiden Sie sich doch mal dazu, nicht zu entscheiden. Sondern vieles gleichzeitig zu machen. Nicht eines.

Aber, wer bin ich, so etwas vorzuschlagen? Nur ein braver Passagier und friedliebender Bürger. Ach, und ich könnte das alles natürlich auch Daimler schreiben oder Monsanto oder …, aber jetzt schreibe ich nun mal gerade Ihnen. Und ich würde mich freuen, wenn Sie sich dafür entschieden, mir eine Antwort zu schicken.

Ihr einziger und immer derselbe

 

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Wir brauchen endlich keine Entscheidung!

 


 

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Vollmers Waschtag
DAS ETWAS ANDERE PERIODIKUM
Lars Vollmer wäscht Schmutzwäsche in der Öffentlichkeit – also nicht seine eigene, sondern eher die der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. In seiner Publikationsreihe »Vollmers Waschtag« nimmt er seine Leser mit auf eine längere gedankliche Reise. Die Essays erscheinen online auf der Website des Autors und im handlichen Pocket-Format alle zwei Monate zum Lesen, Verschenken und Sammeln.
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  • Claus Meyer
    19. Juni 2019 at 16:52

    Das andere Denken (1) von Claus Meyer
    Vor kurzem habe ich einen Artikel über MMT ( Modern Monetary Theory ) gelesen und mir zu Gemüte geführt. Danach wird einem klar, welchen Unsinn wir mit unserem Geldsystem treiben. Statt dass wir uns mit Hilfe des Geld das Leben erleichtern, nein da wird Geld gehortet, in rauen Mengen und wir starren wie die Maus auf die Schlange, wann dieses Monster zuschlägt oder einbricht. Man muss sich wirklich darüber im Klaren sein, Dass Geld nichts Anderes als Zahlen ist. Wer hat uns das eingebläut, so unglücklich mit Geld umzugehen. Da können wichtige Arbeiten nicht ausgeführt werden, weil Geld fehlt. Ist das nicht ein Fall für die Psychiatrie?
    Da kann das Klima nicht gerettet werden, weil Geld fehlt. Immer noch nicht ist das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt. Das Denken in Geld würde schon dadurch ein ganz anders Miteinander schaffen. Immer noch überlässt man profitorientierten Einrichtungen die Erzeugung von Geld. Diese Aufgabe darf doch nur dem Staat und somit den Bürgern selbst zugestehen. Da leiden ganze Völker Hungersnot, weil Geld fehlt. Macht doch welches, das kann doch nicht so schwer sein. Es sind doch nur ein paar Profiteure, die bei dieser Art Geldsystem gut leben und diese Wenigen wollen uns doch immer überzeugen, dass es nicht anders geht und die Masse Mensch macht nicht einen einzigen Versuch, wenigstens darüber nachzudenken. Da bleibt noch viel zu tun, um diesem Unsinn ein Ende zu setzen.
    Jeder Tag, an dem nicht darüber nachgedacht wird und der Nächste nicht darüber informiert wird, ist ein verlorener Tag.

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