Wir brauchen endlich keine Entscheidung!

Lars Vollmer

Eigentlich hatten wir das doch entschieden, oder? Ich meine, wozu haben wir einen Chef? Oder wozu haben wir abgestimmt? Wenn die Entscheidung gefallen ist, dann ist doch gut. Dachte ich.

VOR dem Entscheid waren wir uns uneinig. JETZT wurde entschieden, die Würfel sind gefallen, der Streit erübrigt sich damit, die Sache ist durch – NACH dem Entscheid können wir gemeinsam nach vorne schauen. Gemeinsam! Stimmt’s?

Kollektive Entscheidungen sind als segensreiche Einrichtung gedacht: Sie sind ein Akt der Führung und sollen die Einheit bewahren.

Also, so wie beim Brexit. Das britische Volk war sich uneins wie eh und je, ob das Vereinte Königreich der EU angehören soll oder nicht. Diese ewige Zankerei musste ja mal ein Ende haben, also suchte man die Entscheidung. Sehr vernünftig.

Da das Königreich eine parlamentarische Monarchie ist, entscheidet so etwas den Spielregeln der Demokratie folgend das Unterhaus, während die Königin das Privileg hat, die Entscheidung zu verkünden. Aber halt. Gefragt wurde dann doch direkt der Souverän, das Volk! Und das Volk hat sich im Juni 2016 mit knapper, aber doch absoluter Mehrheit für den Austritt aus der EU entschieden.

Na, gut, dann ist das so. Gute Demokraten tragen demokratische Entscheide mit, auch wenn sie ursprünglich anderer Meinung waren. Das ist ja der Zweck des Entscheids: Das Ende der Scheidung. Das Ende der Uneinigkeit. Die Einigung. Und Einigkeit ist doch das Allerwichtigste, oder nicht?

Das einzige, was hier nicht passt, ist die Realität: Noch nie war Großbritannien so gespalten wie nach diesem Entscheid. Wie konnte das nur passieren? Und die Amerikaner sind nach der letzten Präsidentschaftswahl noch gespaltener denn zuvor. Und die Spanier sind nach der Entscheidung, den Katalanen die Unabhängigkeit kategorisch zu verwehren, gespaltener als vorher. Und die CDU ist nach der Wahl der neuen Parteivorsitzenden gespaltener denn je. Und nach der Entscheidung, aus Atomkraft und Kohleverstromung auszusteigen, sind die Deutschen über die Energiepolitik uneins wie nie zuvor. Die Abtreibungsdebatte will auch nicht enden, obwohl sie doch schon vor gut 40 Jahren entschieden worden ist … Wie konnte das nur passieren?

Hm, wenn ich ehrlich bin: Bei der Suche nach der Antwort darauf, wie das nur passieren konnte, erinnere ich mich als Erstes an den Restaurantausflug von neulich mit Kind und Kegel …

Pizza mit ohne Salami

Ich wollte mit meinen drei Kurzen in Hannover was essen gehen. Die zu entscheidende Frage war natürlich: Wo gehen wir hin?

Keine Antwort.

Ich wollte zum Inder, aber damit stand ich allein. Also schlug ich vor: Burger essen? Ein Kind fand das super, zwei waren dagegen. Also weiter: Schnitzel essen? Sushi? Vegetarisch? … Aber egal welcher Vorschlag sich ins Plenum vortastete, wir fanden keine Einigkeit. Immer war maximal einer dafür und der Rest dagegen. Da half es auch nicht, wenn ich mich der Stimme enthielt.

Aber wir mussten doch eine Entscheidung finden! Also zog ich schließlich den lauwarmen Joker aus der Tasche, der immer geht: Pizza essen. Die Begeisterung touchierte das unterste Level, aber Pizza ist gleichzeitig etwas, gegen das Kinder aus irgendwelchen Gründen kaum opponieren können. Vielleicht ist das etwas Genetisches. Wie dem auch sei, keiner freut sich so richtig, aber wenigstens gehen alle mit. Naja, typisch Demokratie eben.

In Hannover gibt es wie überall Lokale dieser Systemgastronomiekette L’Osteria. Ich werde hier keine Restaurantkritik üben, nur so viel: Teil des Konzepts ist nicht unbedingt, die beste Pizza der Welt zu kreieren, sondern offensichtlich die größte Pizza der Welt. Das Management hatte die größten Teller aufgetrieben, die der Markt hergibt, und dann Pizzas backen lassen, die noch deutlich größer als die größten Teller sind und infolge der auch in Hannover geltenden Schwerkraft ringsrum über den Tellerrand hängen. Will sagen: Man kann das Ding nicht aufessen. Ich bin wahrlich kein feiger Esser, aber ich traue mir nicht zu, so eine Pizza restlos wegzuputzen … obwohl sie durchaus spärlich belegt ist.

Ob das an den über Generationen weitergegebenen und fest im Kleinhirn verankerten Hungererlebnissen aus den späten Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts liegt oder nicht – fest steht: Die Deutschen lieben diese Restaurantkette. Riesige Pizza, das ist konsensfähig. Und der Service ist ganz nett. Irgendwie mögen auch wir den Laden ja, kurioserweise.

Ja, und die Pizzabäcker dort beteiligen sich konstruktiv an der Problemlösung: Sie machen auch zwei halbe, also eine Pizza mit zwei unterschiedlich belegten Hälften. Aber zwei große Pizzas sind für uns vier eigentlich deutlich zu viel. Eine allerdings ist zu wenig! – Und schon geht es wieder los.
Meistens bestellen wir nur eine (ich esse dann eben ein bisschen weniger, was ich mir selbst mit vernünftigen Argumenten durchaus verkaufen kann) – wir müssen aber dennoch eine Entscheidung finden, nämlich welche zwei Beläge wir bestellen.

Der Streit ist immer anders.

„Nicht schon wieder Salaaaami!“

„Ach komm, das mögen wir doch alle … ein bisschen.“

„Nö. Ich mag mit Schinken!“

„Gut. Mit Schinken. Einverstanden?“

„Ich mag keinen Schinken!“

„Na, ok, dann kannst du ja Margarita essen. Und wir nehmen Schinken.“

„Aber ich will keine Margarita.“

„Ich auch nicht.“

„Und ich auch nicht.“

„Ok, dann lass uns mal was anderes nehmen. Wie wär’s mit Pilzen?“

„Neeeeee!“

Ich kürze jetzt hier mal ab. Sie haben das Prinzip durchschaut. Da der Streit um einzelne Zutaten bereits ausweglos ist, kommen virtuosere Belegungsarten mit Artischocken oder gar Sardellen selbstverständlich nicht mehr in die nähere Auswahl. Leider. Die Basics zu entscheiden, ist schon schwierig genug. Und bedenken Sie: Wir sind nur zu viert!

Maximal mittelmäßige Ergebnisse bei überschaubarer Komplexität bekommen wir als streitbares Quartett mit Ach und Krach hin. Und wir haben alles ausprobiert: von Diktatur bis Demokratie, ob mit oder ohne Diskussion.

Wie ist das dann erst bei 80 Millionen und wahrlich komplexen und schwerwiegenden Problemen

Einigkeit und Streit und Spaltung

Ich will nun mal zu bedenken geben, dass möglicherweise schon die Prämisse falsch ist, nämlich die, dass Entscheidungen Ent-scheidungen sind. Vielleicht sind Entscheidungen ja Scheidungen, zumindest unter bestimmten Voraussetzungen.

Kann es sein, dass zumindest heutzutage und in bestimmten Umfeldern Entscheidungen nicht zur Einigung führen, sondern vielmehr Startpunkt noch erbitterterer Debatten und noch härterer Auseinandersetzungen sind? Dass Entscheidungen zur Zentrifugierung der Gesellschaft beitragen? Dass Entscheidungen die Menschen auseinandertreiben statt einigen?

Sind Entscheidungen gar Ausgangspunkt von Kriegen? Ich möchte nicht zu tief einsteigen, aber war die Entscheidung der Alliierten, was mit Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg anzufangen sei, nicht die Keimzelle des Zweiten Weltkriegs?

Aus Meinungen werden durch Entscheidungen Fakten. Diejenigen, die vorher nur anderer Meinung waren, werden jetzt plötzlich Oppositionelle, die sich mit dem Status quo nicht abfinden wollen und anfangen dagegen zu kämpfen.

Und manchmal sind sogar beide Lager unzufrieden bis unversöhnlich: Aus der Vielzahl von Möglichkeiten wird durch eine Entscheidung – mit welchem Verfahren auch immer – eine Möglichkeit herausgegriffen, die von allem ein bisschen enthält. Ein Mischgetränk wird gereicht, ein Cuvée, eine Mélange, ein Verschnitt – ein Gesöff für alle. Und das trinken jetzt auch alle! Gefälligst!

So wie bei der Abtreibungsdebatte: Der Bundestag und das Bundesverfassungsgericht fanden in den Siebzigern nach einem denkwürdigen Ringen um eine Lösung einen Kompromiss: Abtreibung bleibt in Deutschland eine Straftat, die aber nicht verfolgt wird.

Wie sich heute herausstellt, wurde damit nur vorübergehend gesellschaftlicher Frieden hergestellt. Für beide Lager – auf der einen Seite die Befürworter der Legalisierung der Abtreibung („Mein Bauch gehört mir!“), auf der anderen Seite die Abtreibungsgegner („Schwangerschaftsabbruch ist Lebensabbruch“) – für beide ist der Kompromiss prinzipiell unerträglich. Es fehlt nicht viel und die beiden Seiten gehen sich wieder öffentlich an die Gurgel, ein Wahlkampf als Anlass genügt.

Sicher ist also, dass es mit der befriedenden Wirkung einer Entscheidung nicht so weit her ist, wie gerne geglaubt wird. Der Ruf der Entscheidung ist besser als ihre Realität.

Könnte es sein, dass das mit der Befriedung früher besser geklappt hat als heute? Dass Entscheidungen früher der Schlusspunkt von Entscheidungsprozessen waren, während sie heute eher der Anfang von Scheidungen sind?

Dass Entscheidungen heute eher Gräben ziehen, denn Brücken bauen?

Und wenn dem so ist, woran liegt das?

Die Kunst des Nichtentscheidens

Ich wage hier mal einen Vorschlag zur Lösung des Rätsels. Er hat vier Schritte:

1) Je komplexer das Umfeld und je wechselhafter die Randbedingungen, desto komplexer die Probleme.

2) Je komplexer ein Problem, desto komplexer muss die Lösung sein.

3) Je komplexer die Lösung sein muss, desto weniger darf entschieden werden.

4) Wenn nicht entschieden werden darf, muss mehr Verschiedenes gleichzeitig getan werden.

Also: Ein weiches Ei zu kochen ist einfach, es ist nicht einmal sonderlich kompliziert, geschweige denn komplex. Hier können Sie einfach entscheiden: Wasser muss kochen: Ja. Ei vorsichtig reinlegen: Ja. Vier Minuten und dreizig Sekunden kochen: Ja.

Die Randbedingungen sind hier immer gleich. Wie Sie in Ihrer Frühstücksküche ein Ei für sich selbst weich kochen, können Sie leicht entscheiden. Viereinhalb Minuten? Richtig! Sechs Minuten? Falsch!

Aber jetzt lassen Sie mal die Randbedingungen schwanken! In 1800 Metern über Meereshöhe sieht das mit der Kochzeit schon anders aus, das Wasser kocht bei geringerem Luftdruck früher. Weiter: Die Bioeier vom Hofladen sind viel größer als die aus dem Supermarkt. Und dann fügen Sie noch den Faktor Mensch hinzu: Zehn verschiedene Frühstücksgäste und Sie haben elf verschiedene Meinungen darüber, wie die Konsistenz eines weich gekochten Eis zu sein hat!

Plötzlich fängt es an komplex zu werden. Der Effekt: Jede Entscheidung, die Sie treffen, erzeugt Unzufriedenheit. Oder anders gesagt: Mit einer einfachen Entscheidung können Sie es niemandem mehr recht machen. Denn eine Entscheidung reduziert die Komplexität des Problems auf eine simple Ja-Nein-Frage. Zu simpel, wie sich herausstellt.

Einer der einflussreichsten Denker der Kybernetik, ein Zweig der Wissenschaft komplexer Systemen, war William Ross Ashby. Er formulierte das Ashby’sche Gesetz: Je größer die Varietät eines Systems ist, desto mehr kann es die Varietät seiner Umwelt durch Steuerung vermindern.
Konkret übersetzt: Um bei einem so komplexen Problem wie der Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union dem Volkswillen gerecht zu werden, braucht es eine hinreichend komplexe Lösung, jedenfalls eine wesentlich vielschichtigere Lösung als „Leave or Remain“!

Noch weiter gedacht: Diese simplifizierte Frage nach Austritt oder Verbleib darf bei einem derartig komplexen Problem gar nicht erst gestellt werden. So etwas MUSS NICHT entschieden werden, nein, so etwas DARF NICHT entschieden werden, denn eine komplexe Lösung eines so komplexen Problems ist überhaupt kein passendes Anwendungsfeld der Kulturtechnik „Entscheiden“.

Es gibt aber auch komplexe Probleme, die dennoch entschieden werden müssen. Nehmen wir zum Beispiel die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ nach Mogadischu durch vier palästinensische Terroristen im Oktober 1977. Selbstverständlich war diese Entführung eine sehr komplexe Situation. Keiner konnte vorhersagen, was die Entführer tun und wie sie reagieren würden. Alles war kontingent. Myriaden von Einflussfaktoren, nichts war vorhersehbar, weil Menschen im Spiel waren. Aber ab einem bestimmten Punkt im Verlauf der Ereignisse musste dennoch entschieden werden, weil eine Nichtentscheidung einer Entscheidung gleichgekommen wäre.

Das Problem war zwar komplex, aber die Lösungsmöglichkeiten reduzierten sich unter dem Gesichtspunkt der Komplexität auf ein sehr simples Dilemma: Stürmen oder nicht Stürmen? Und der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt war derjenige, der zu entscheiden hatte. Er war sicher sehr gut gebrieft und kannte die Risiken einer Befreiung der Geiseln genauso gut wie die Risiken der Nichtbefreiung. Seine Aufgabe war, die Verantwortung zu übernehmen und ja oder nein zu sagen und damit das Dilemma zu zerschlagen. Wie wir heute wissen, tat er das sehr gewissenhaft und so, wie es für eine echte Führungspersönlichkeit vorbildlich ist. Und die Sache ging gut aus. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen.

Das heißt: Aufgabe von Entscheidern ist es nicht, einfach zu entscheiden. Sondern erstmal zu erkennen, ob überhaupt etwas zu entscheiden ist. Und wenn ein komplexes Problem nicht gezwungenermaßen durch eine Entscheidung gelöst werden muss, dann darf der Entscheider eben um Himmels willen nicht entscheiden!

Wenn aber nicht entschieden werden soll, was denn dann stattdessen?

Entscheider entscheiden (sich) nicht gegen sich

Nehmen wir zum Beispiel das Schulwesen. Eigentlich braucht eine sich immer feiner ausdifferenzierende Gesellschaft eine immer größere Vielfalt an beruflichen Qualifikationen unter den Menschen. Immer diversere Fähigkeiten, immer mehr implizites und explizites Wissen über immer Unterschiedlicheres. Zum Beispiel wird die Fähigkeit, in unterschiedlichen Kulturen Produkte zu verkaufen, immer wertvoller und gesuchter. Oder die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Technologien umweltfreundlich zu produzieren. Oder die Fähigkeit, in den verschiedensten Branchen Innovationen zu erzeugen. Oder die Fähigkeit, die Pflege von alten Menschen so zu organisieren, dass sie zu den individuellen Bedürfnissen und Lebensstilen der Menschen passt. Oder die Fähigkeit, Lernen gut zu organisieren – für sich und andere.

Es wäre darum logisch, dass es heute immer mehr und immer unterschiedlichere Bildungswege gäbe. Genau das würde auch passieren, wären die Hirten nicht Hirten und die Schafe nicht Schafe!

In Deutschland ist das Bildungswesen zu großen Teilen staatlich organisiert, das bedeutet, hier planen Manager die Bildung so, dass sie aus Sicht der Politik möglichst beherrschbar bleibt. Die Planer treffen Entscheidungen: Dementsprechend werden Bildungswege europaweit vereinheitlicht und eingeschränkt: Es gibt weniger und nicht mehr Vielfalt in allen Stufen der Bildung: vom Kinderhort über die Grundschulen, die Sekundarstufen bis zu den Hochschulen. Die nach dem Bologna-Prozess europaweit harmonisierten, also reglementierten und eingezäunten Studiengänge und -abschlüsse erzeugen den kleinsten gemeinsamen Nenner, die Vergleichbarkeit von Bildung auf niedrigstem Niveau.

Es passiert also genau das Gegenteil von dem, was aus Sicht der Schüler, Eltern und Unternehmen sinnvoll und notwendig wäre. Warum machen das die Hirten so? Weil es sonst unfinanzierbar würde? Ach, kommen Sie! Das Effizienzargument kommt fast schon reflexartig – natürlich, um den Status quo zu verteidigen. Aber das ist bei genauerem Hinsehen nur ein Scheinargument. Es erscheint generell nur dann plausibel, wenn man ein neues System durch die Brille des alten betrachtet, also alle Parameter und Prämissen beibehält und dann die nicht dazu passenden Parameter des neuen Systems damit bewertet. Das wäre aber dann etwa so stichhaltig wie zu behaupten, dass es fliegende Vögel nicht geben kann, weil sie schwerer als Luft sind.

Warum also steuern die Hirten durch ihre Entscheidungen das System wirklich weg vom Sinnvollen und Notwendigen? – Na, weil sie sonst mitsamt dem Bologna-Prozess gleich das ganze Entscheider-System abschaffen würden, mitsamt sich selbst in der Rolle des Entscheiders.

Würden sich nämlich von alleine immer neue Schultypen und Bildungsgänge herausbilden dürfen, eben einfach die, die gebraucht und gewünscht wären, dann würde das planende, reglementierende und durch Entscheidungen herrschende Instrumentarium der Hirten wirkungslos rotieren. Ihre Legitimation würde schwinden, ihre Stäbe würden zerbrechen, sie würden überflüssig werden. Plötzlich würde jeder merken: „He, der Hirte tut ja gar nichts, wir machen das alles ja selber, wir brauchen den ja überhaupt nicht.“

Logisch, dass die Hirten ihr Regime verstärken und nicht abschwächen! Sie wären sonst schlicht weg vom Fenster.

Wahlfreiheit macht Schule

Spielen wir’s durch: Was würde denn ganz konkret passieren, wenn die Herde keine Herde mehr wäre, sondern eine vielfältige Gesellschaft aus Individuen, die sich die Bildung selbst organisiert, weil niemand mehr von oben vorgibt, was Form und Inhalt guter Bildung sind. Das Zentralabitur bräuchte keiner, das würde nicht mehr existieren. Jeder, der will, könnte eine Schule gründen, jeder könnte Bildungsabschlüsse anbieten. Es herrschte freie Schulwahl für die Schüler bzw. deren Eltern.

Wo immer es einen Bedarf gibt, würden Schulen entstehen. Und zwar nicht Hauptschule, Mittelschule, Gymnasium – und schon gar nicht Gesamtschule! – sondern Hunderte verschiedene Schultypen. Manche für handwerklich Begabte, wo jeder Schüler nebenbei ein bis zwei Berufsausbildungen machen würde. Manche für an Wirtschaft Interessierte, die dort auch das Unternehmerhandwerk lernten. Manche für musikalische Menschen, die dort auch Schlagzeug studieren könnten. Eine Schule für Pianisten. Eine Jazz-Schule. Eine Schule, auf der die Schüler zehn Sprachen lernen können. Eine Schule für Fußballer. Eine Schule mit Schwerpunkt Design. Eine christlich geprägte Schule. Eine Schule, wo täglich im Meer getaucht wird. Eine Logik-Schule. Eine Natur-Schule. Eine Spiel-Schule. Eine humanistische Schule. Eine Politik-Schule. Eine Generalisten-Schule. Eine Hochbegabten-Schule. Eine Schule für Lernbehinderte … und so weiter. Und natürlich alle möglichen Mischformen davon.

Falls Sie hier gerade ansetzen zu denken: „Aber das gibt’s doch heute schon …“ – Nein, ich meine hier nicht solche Schwerpunktschulen, wo beispielsweise auf einer Blechbläser-Schule alles wie überall läuft, mit dem Zusatz, dass die Schüler außerdem vier Stunden pro Woche ins Blech blasen. Ich meine völlige Lehrplanfreiheit, um nicht nur ein Quantum Freiheit in fixierten Schulformen zu gewähren, sondern gleich komplett individuelle Schulformen zu ermöglichen.

Schultypen, die nicht besucht würden, hörten auf zu existieren. Schultypen, die beliebt wären, existierten in großen Mengen und an vielen Orten. Der Staat würde keine Schultypen definieren, keine Lehrpläne vorgeben, keine Prüfungen standardisieren, auch keine Lehrerausbildung normieren und kontrollieren. Der Staat würde also im komplexen Bildungswesen absichtlich keine Entscheidungen mehr treffen. Er würde wohl lediglich noch prüfen, ob Ausbildungskonzepte verfassungskonform sind.

Vor der Aufnahme in eine Hochschule, die sich ebenfalls ausdifferenzieren würden, würde nicht das Zentralabitur die allgemeine Hochschulreife attestieren, sondern jede Hochschule würde eigene, zu den Studieninhalten passende Aufnahmeprüfungen durchführen und sich auf diese Weise die Studenten selbst aussuchen.

Die Anforderungen der Eltern und der Schüler an den Bildungsmarkt wären natürlich statt an der europaweiten Vergleichbarkeit viel mehr an den Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgerichtet als heute. Und gleichzeitig würde der Bildungsmarkt vielfältige Angebote entwickeln, die den individuellen Neigungen und Fähigkeiten der einzelnen Schüler (und wohl auch den sehr individuellen Wünschen der Eltern) viel mehr entsprechen würden als heute. Die stellenweise Bevorzugung von Introvertierten gegenüber Extrovertierten oder die Bevorzugung von Mädchen gegenüber Jungen, wie sie heute in vielen Schulklassen traurige Wirklichkeit ist, würde sich selbst regulieren: Eine Schule, an der sich Jungen wie Mädchen verhalten müssten, um nicht ständig bestraft zu werden, wäre für Eltern von Jungen einfach nicht attraktiv. Und auch die Schule hätte die Wahl: entweder auf männliche Schüler verzichten oder Lehrer einstellen, die mit Jungs umgehen wollen und können.

Das wäre eine Zukunft mit möglichst großer Freiheit für jeden Einzelnen. Aber natürlich auch eine Zukunft, die die Übernahme von Verantwortung durch die Schüler und ihre Eltern erforderte. Freiheit und Verantwortung sind immer zwei Seiten einer Medaille. Und das ist gar nicht politisch gemeint, sondern systemisch: Die Freiheitsgrade, die Wahlmöglichkeiten sind in solchen Systemen hoch. Diese Freiheit sieht man durch die Perspektive von außen auf ein System. Von innen betrachtet spürt man dasselbe Phänomen als Verantwortung: Natürlich könnte ein Schüler in dieser Zukunft eine Schule besuchen, in der er nicht die Voraussetzungen erwirbt, die eine Architekturhochschule erwartet. Nur hat er dann eben auch weniger Chancen, Architekt zu werden. Aber er hat ja die Wahl.

Alles auf einmal

Die Antwort ist also: Entscheide nur, wenn du unbedingt musst, ansonsten entscheide nicht, sondern mach vieles gleichzeitig!

Nur was komplex ist, kann überhaupt entschieden werden. Eine nicht komplexe, sondern lediglich komplizierte Situation liefert immer die Gründe für eine Konsequenz bereits mit: Die Sache ist bereits entschieden, die richtige Option muss nur noch ausgeführt werden. So, wie der Schiedsrichter ja eigentlich gar nicht entscheidet, sondern nur die Regeln exekutiert: Foul ist Foul und wird gepfiffen.

Eine Wahl zwischen Optionen verdient nur dann den Namen Entscheidung, wenn die Sache komplex ist. Aber – und das ist mein Punkt – nicht alles, was komplex ist, MUSS entschieden werden! Im Gegenteil: Wenn es möglich ist, vieles zu tun, anstatt dich für eines zu entscheiden, dann tu vieles! Eine Entscheidung für eines ist immer nur der Ausnahmefall, wenn zum Beispiel aus Zeitgründen oder anderen faktischen Zwängen nicht vieles gleichzeitig gemacht werden kann.

Aber die meisten Fragen, die wir tagtäglich entscheiden, sollten gar nicht erst entschieden werden: Welche Farbe soll der Kaufen-Button auf der Website haben? Rot oder Grün? – Antwort: Alles! Und Blau und Gelb und Orange. Gleichzeitig. Wechsle einfach ab. Wähle die Farbe nur für einen kurzen Moment. Schau einfach, was am besten funktioniert. Und dann ist die Sache immer noch nicht entschieden.

Tempolimit auf den deutschen Autobahnen? Ja oder nein? – Antwort: Beides! Manche Autobahnabschnitte brauchen Tempo 90, manche Tempo 120 manche brauchen gar kein Tempolimit. Manche Stellen brauchen montags und freitags ein Tempolimit und sonst keines, manche brauchen tagsüber eines und nachts keines und manche brauchen eines für die eine Spur, aber nicht für die andere. Macht einfach alles gleichzeitig und hört auf, eine generelle, für alle und überall geltende Einheitslösung zu suchen!

Elektroantrieb für Autos? Ja oder nein? – Antwort: Das darf nicht entschieden werden! Wir müssen uns nicht auf Elektroautos einigen. Auch nicht auf Verbrenner. Der technische Fortschritt entsteht nur aus Vielfalt und der Käufer entscheidet selbst, ob er ein Benzin-, Diesel-, Pflanzenöl-, Hybrid-, Elektro-, Gas- oder Wasserstoffauto kaufen will.

Energieerzeugungsformen: Windräder, Photovoltaik, Geothermie, Wasserkraft, Kohle, Atomstrom, Fusionsreaktor. Macht alles und steigt aus nichts aus! Kein Standort ist gleich, die Lösung ist ein hoch komplexes Energieversorgungsystem, das keine Technologie ausklammert.

Was für die Gesellschaft schädlich ist, was uns auseinandertreibt und spaltet ist die Sucht der Entscheider nach Entscheidungen. Am Ende, wenn sie alles durchentschieden haben, haben wir eine Gesellschaft, in der alle das gleiche Auto fahren, alle den gleichen Fernseher im Wohnzimmer stehen haben (Modell „Televisor“), in der alle das Gleiche verdienen, alle den gleichen Tagesablauf haben, alle den gleichen grauen Kittel tragen, alle das gleiche Vokabular benutzen, alle das Gleiche denken. Für manche Politiker ist so eine grauenhafte dystopische Welt offenbar ein schöner utopischer Traum. Es existierte dann keine abweichende Meinung mehr, niemand hätte mehr eine „falsche“ Haltung, es gäbe nur noch eine, die vom Staat vorgegebene Haltung.

Nein, danke. Ich wähle dann doch lieber die Variante der Vielfalt.

Und wenn ich wieder mit allen Kids essen gehe, machen wir’s anders: Wir suchen gar nicht erst die beste Lösung und entscheiden nicht für alle, sondern einer bestimmt alleine für sich – und die anderen gehen einfach mit. Beim nächsten Mal bestimmt ein anderer. Wir münzen die vorbestimmte Enttäuschung um in ein Erlebnis. Wir integrieren sozusagen die Lernchchance in die Auswahl. Wie großartig, koreanische Küche grässlich zu finden – oder toll. Aber dazu muss man erstmal hingehen!

Vielfalt kommt nicht von Gleichheit, sondern von Gerechtigkeit. Aber das ist vielleicht hier schon zu philosophisch …

Liebe Deutsche Bahn

Wenn Entscheiden schlechter ist als sein Ruf, warum brauchen wir dann immer zu allererst Entscheider, die dann über uns entscheiden? Und warum entscheiden wir ständig und den lieben langen Tag lang, als ob unsere Arbeit im Kern daraus bestehen würde. Das ist in einer Marketingagentur auch nicht anders als in einem Steinbruch und in der Bundesrepublik auch nicht anders als im Zarenreich.

In einem klassisch organisierten Unternehmen entscheidet letztlich der Chef – oder er delegiert die Entscheidung an jemanden, den er dafür bestimmt hat. In einer Diktatur entscheidet letzten Endes der Diktator oder er delegiert die Entscheidung an jemanden, den er dafür bestimmt hat. In einem Königreich entscheidet der König oder er delegiert die Entscheidung an jemanden, den er dafür bestimmt hat. In einer Republik entscheidet das Volk oder es delegiert die Entscheidung an jemanden, den es dafür bestimmt hat – zum Beispiel den Bundeskanzler und seine Minister oder den Bundestag. Es ist also immer das gleiche.

So wie in einem der deutschesten aller deutschen Unternehmen. Dort ist neulich eine Entscheidung getroffen worden, die die Bevölkerung heftig gespalten hat, zumindest war das in den Medien so. Ich spreche von der Bahn und ihrer Fotoauswahl in Werbekampagnen. Mich würde wirklich interessieren, warum und wie solche Entscheidungen zustande kommen.

Ich werden die Bahn einmal direkt fragen …

Weiter zu Teil 2:
Offener Brief an die Deutsche Bahn

 


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Lars Vollmer wäscht Schmutzwäsche in der Öffentlichkeit – also nicht seine eigene, sondern eher die der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. In seiner Publikationsreihe »Vollmers Waschtag« nimmt er seine Leser mit auf eine längere gedankliche Reise. Die Essays erscheinen online auf der Website des Autors und im handlichen Pocket-Format alle zwei Monate zum Lesen, Verschenken und Sammeln.
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  • Claus Meyer
    28. Mai 2019 at 18:17

    Können wir wirklich so weiterleben
    Wenn wir so weiterleben, zerstören wir unseren eigenen Lebensraum. Bei den meisten Problemen in der Welt und deren Lösung spielt immer Geld die große Rolle. Um also mehr Lösungen zu schaffen, sollte die Funktion des Geldes näher betrachtet werden und wenn möglich, verbessert werden. Menschen haben sich mit diesem System diese Klimaprobleme selbst geschaffen, die sicher nur durch ein anderes Geldsystem noch in den Griff zu bekommen sind. Dabei ist es doch ein leichtes Geld in Form von Münzen, Geldscheinen oder Zahlen herzustellen, man hat den Umgang damit so organisiert, dass den Eignern jegliche Macht zugestanden wird. Dieses Geldsystem weist starke Mängel auf, die dringend einer Änderung bedürfen.
    Es ist ein System, bei dem Geld nur aus Krediten gewonnen wird und stetig Zinsen fordert. Weiterhin hat man die Generierung profitorientierten Einrichtungen überlassen, die Haftung aber den Bürgern überlassen. Wie soll solch ein System wohl auf die Dauer bestehen, wobei eine stetige Umverteilung von Arm nach Reich systembedingt stattfindet.
    Solch ein Geldsystem wird uns die Zukunft ruinieren.
    Die Einkommen der Geringverdiener nehmen stetig ab. Aufwendungen im sozialen Bereich nehmen ab. Die Mietpreise nehmen extrem zu. Die wenigen Reichen, die Mächtigen in jedem Land bestimmen alle wirtschaftlichen Vorgänge, ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Proteste nehmen wohl zu, werden aber mit allen Mitteln bekämpft. Daher bleibt das Streben nach mehr Wachstum ungebrochen. Diese zerstörerische Logik des Kapitalismus kann wohl nur durch kollektives Handeln überwunden werden.
    Wann beginnt das Kollektiv, sich dagegen aufzulehnen.
    Nur mit Einschränkungen auf fast allen Gebieten lässt sich der Energieverbrauch senken um dadurch die Erderwärmung in Grenzen zu halten. Das allein muss in Kürze echt in Angriff genommen werden. Da das Geldsystem nur mit Wachstum existieren kann, ist eine Änderung nur mit einem anderen Denken über Geld die Voraussetzung. Diese Hürde kann nur im Kollektiv genommen werden. Da das Kapital alles in derer Macht Stehende tun werden, die Kenntnis zu unterdrücken, bleibt diese Hürde schwer zu überwinden.

    Sollte es den Menschen wirklich so schwer fallen, hier ein Verbesserung wirklich so schwer sein. Denn die heutigen Zustände und die Verhaltensweisen auf der Erde erzwingen ein anderes Denken. Es muss schnellstens darüber nachgedacht werden, hier ganz andere Wege einzuschlagen. Also weg von dem Streben nach Wachstum, weg von dem Luxus der Fernreisen, dem Luxus der großen Events. Allein das wird wohl nicht reichen. Es sollte der internationale Handel nur auf das beschränkt werden, was im eigenen Land nicht herstellbar ist. Auch im eigenen Land sollte immer auf kurze Transportwege geachtet werden.
    Das Familienleben muss eine viel größere Bedeutung erhalten, Großfamilien hätten den Vorteil, günstiger zu wirtschaften als Einzelpersonen und die soziale Grundeinstellung zu verstärken. Gerade dieses Miteinander, in dem auch die Kleinkinder ihre Prägung erhalten, verbessert sich stärker als in der heutigen Ellenbogengesellschaft.
    Der Beruf sollte wieder mehr Berufung werden, was natürlich von einer anderen Art Ausbildung abhängig ist.
    Alles das ist mit einem Umdenken verbunden, dann sollte man klären, wie die Versorgung der Menschen gewährleistet werden kann, um die Schädigung von Erde und Umwelt so klein wie möglich zu halten. Steigerungen in der Wirtschaft sind zu vermeiden, weil sie immer mit einem erhöhten Energieaufwand verbunden sind. Es sollen doch viele nachfolgende Generationen einen guten Zustand vorfinden.
    Erst danach und unter Berücksichtigung der vorherigen Verhaltensweise sollte das andere Geldsystem eingeführt werden. Es muss alle wirtschaftlichen Vorgänge unterstützen, dabei voll unter Kontrolle des Volkes stehen. Wichtig ist, dass mit Geld kein Geld gemacht werden und dass größere Ansammlungen ausgeschlossen werden. So sollten alle Aktiengesellschaften in Genossenschaften umgewandelt werden. Nur viel Geld in einer Hand erlaubt dem Eigentümer, Kriege anzuzetteln. Statt Konkurrenz sollte Koexistenz das Leben verbessern.
    So wird aus dem „homo oeconomicus“ hoffentlich wieder ein „homo sapiens“.
    Es scheint ganz sicher, dass nur so ein sinnvolles Leben auf Erden weiter möglich ist. Geben wir einmal den Pessimismus auf und glauben an das Gute im Menschen. Wir könnten wieder in und mit der Natur leben und diesen gesteigerten Techniktrieb in Grenzen halten.
    Es gibt jedoch einen sehr starken Kontrahenten, das Großkapital, das alles versuchen wird, dass diese Art des Denkens nicht bei vielen Bürgern bekannt wird.

    • Jochen Heins
      29. Mai 2019 at 10:24

      Hmm, Hmm, Hmm, brummel, dazu muss ich jetzt mal was sagen, damit das nicht zu solitär wird hier:
      „Bei den meisten Problemen in der Welt und deren Lösung spielt immer Geld die große Rolle.“
      Das ist eine These. Keine Wahrheit. Alternativthese: Geld ist das Symptom. Oder: Geld ist Kommunikation.

      „Um also mehr Lösungen zu schaffen, sollte die Funktion des Geldes näher betrachtet werden und wenn möglich, verbessert werden. Menschen haben sich mit diesem System diese Klimaprobleme selbst geschaffen, die sicher nur durch ein anderes Geldsystem noch in den Griff zu bekommen sind.“
      Auch das ist eine These, keine Wahrheit. Daher ist es ein bisschen heikel, hieraus weitere Konsequenzen abzuleiten, ohne Nachweisen zu können, dass die These richtig ist. Mal so eine Anregung: Nur angenommen die These ist falsch, dann sind die abgeleiteten Konsequenzen nur zufällig richtig, meistens falsch. Führen falsche Konsequenzen dann zu einer Verbesserung oder zu einer Verschlimmerung der Situation? Welche leichtfüßige Verantwortung! So funktionieren eben vor allem sozialistische Diktaturen in bester Hirtenmanier: Ent-Scheidung, s.o. im Artikel.

      „Weiterhin hat man die Generierung profitorientierten Einrichtungen überlassen, die Haftung aber den Bürgern überlassen.“
      Wie funktioniert das bitte genau? Der Handwerker, der seinen Lebensunterhalt nur über seine Profitorientierung bestreiten kann, überträgt die Haftung bei seinem Scheitern den Bürgern? Der Einzelhändler, der seinen Onlineshop betreibt, auch? Der Landarzt mit 24/7 Bereitschaft? Allen gemein ist, dass sie oftmals nur mit Krediten in ihre Existenz starten können und so nach These des Vorredners also auch Geld generieren (über Zinsen). Hier haften die Bürger höchstens in einem höchst abstrakten Sinne – als Leidtragende, wenn es keine Landärzte, Einzelhändler oder Handwerker mehr gibt, oder?

      „Die Einkommen der Geringverdiener nehmen stetig ab.“
      Statista sieht das anders, oder wird hier inflationsbedingte Kaufkraft mit Einkommen in Euro verwechselt? Selbst dann stimmt es nicht – nur releativ, nicht absolut, denn die Kaufkraft hat überall zugenommen, bei einigen aber stärker. Was kostete ein Brot, in Kaufkraft gedacht, nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland, was kostet es heute? Eben: Schauen Sie mal in die Mülltonnen der Haushalte …

      „Aufwendungen im sozialen Bereich nehmen ab.“
      Auch eher nicht. Pflegekosten nehmen zu (und werden finanziert). Das Recht auf den Kitaplatz ist noch nicht so alt – und setzt die Macher unter Zugzwang. Demnächst gibt es nach Willen einer nicht mehr ganz so großen Volkspartei vielleicht eine Grundrente. So pauschal sehe ich das nicht. Umverteilungen sind unbestritten – ein Hirtensymptom.

      „Die Mietpreise nehmen extrem zu.“
      Auch nur punktuell in speziellen Ballungsgebieten. Es gibt auch Ballungsräume, wo die Mietpreise stagnieren oder stehenbleiben. Auf dem Land sowieso.

      „Die wenigen Reichen, die Mächtigen in jedem Land bestimmen alle wirtschaftlichen Vorgänge, ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Proteste nehmen wohl zu, werden aber mit allen Mitteln bekämpft.“
      Ich stelle mir gerade blutüberströmte Barrikaden vor gesäumt mit wilden Gesellen, die blind aufeinander einschlagen: Die Zukunft von Fridays for Future …

      „Daher bleibt das Streben nach mehr Wachstum ungebrochen. Diese zerstörerische Logik des Kapitalismus kann wohl nur durch kollektives Handeln überwunden werden.“
      Das nennt sich, glaub ich, soziale Marktwirtschaft. Hat in den letzten Jahrzehnten hier in Deutschland zumindest hervorragend funktioniert. In Russland und China sieht das eher anders aus (mit jeweils anderen Facetten).

      „Wann beginnt das Kollektiv, sich dagegen aufzulehnen.“
      Tian’anmen-Massaker 1989 – Wikipedia – ach so, war ja kein Kollektiv. Nur Studenten, also junge Leute ohne Ahnung, aber mit Wunsch nach Zukunft …

      Usw. usf. Auch die weitere Argumentation des Herrn Meyer lässt sich so leicht hinterfragen. Das Problem ist offenkundig: Eine sicherlich respektabel Meinung, mit dem Problem, dass sie als Wahrheit postuliert wird mit daraus zwingend abzuleitendem Handeln – ist nichts anderes als eine unterkomplexe Reaktion auf eine Komplexe Welt. Und somit genau das, was im Posting von Lars Vollmer so schön als überdenkenswert vorgestellt wird. Einfach noch mal lesen. Danke.

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